Rebellion gibts nicht zum download - Wir sehen uns auf der Straße
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Mittwoch, August 11, 2010

Statement

Immo weiß ich halt wirklich net was Sache ist - vom 'Geist' hab' ich auch lang nix mehr gehört...

Leider hat sich meine persönliche Situation weder verbessert noch verschlechtert (die Krankheit meiner Frau), jedoch hab' ich eigentlich momentan weder die Zeit noch das Vergnügen, weitere Posts zu veröffentlichen (die Letzten kamen ja relativ gut an - aber nun mal nicht alle - für mich steht IMMER die Musik im Focus - alles Andere lässt mich kalt).

Andere Postings - außer Gastbeiträgen gibbet auch nicht - insofern stelle ich die Frage: Soll dieser 'Blog' weiter existieren?

Allein hab ich keinen Bock drauf!!!

Wobei - es gibt ja jede Menge guter Musik, die nur wenige kennen...

Aber nochmals - so kann das nicht weiter gehen - langsam fehlt es mir auch an Motivation...

Hätte noch Einiges in der 'Hinterhand', aber interessiert's Jemanden ???

Momentan ist der Stress im Beruf reichlich hoch (familiär sowieso) - insofern benötige ich einen gewissen 'Kick' um weiter zu machen....

Vielleicht äußert Ihr EUCH mal dazu - weil 'Bock' hab ich eigentlich keinen mehr....


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Donnerstag, November 26, 2009

Endo Anaconda: Rede zum 1. Mai 2009 in Zürich

Endo Anaconda ist Sänger der Band Stiller Has aus der Schweiz. Auf der Veranstaltung zum 1.Mai, also dem Internationalen Kampftag der ArbeiterInnenbewegung, hielt er eine Rede, die immerhin soviel Beachtung fand, dass sich der Kommunistenfresser Christoph Mörgeli von der SVP mit einer Kolumne in der Weltwoche äußerte.
Auch dieser Beitrag ist hier dokumentiert.
Angemerkt sei noch, dass die Schweizer GenossInnen zum 1. Mai mehr Leute mobilisieren (15.000), als wir in unserem Kölle (wohlwollend 5.000).  Berücksichtigt man die unterschiedliche Größe der beiden Städte, müssten in Köln knapp 40.000 Leute auf die Straße gehen. Und soviel ich weiß, beteiligen sich in Zürich die Sozialdemokraten nicht am 1. Mai. Würde man nun also von der Kölner Mai-Demo alle Sozis abziehen, dann wäre nicht mehr viel übrig.


Endo Anaconda
1. Mai Rede in Zürich, Bürkliplatz (01.05.09)
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Der Winter ist vorbei, Frühlingsgefühle stellen sich deswegen aber noch lange nicht ein. Ohne die aufmunternden Neujahresworte unseres Bundespräsidenten hätten wir diesenWinter wohl nicht überstanden. Merci, Hans – Rudolf Merz, dass Sie mit uns fühlen. Die Darstellung des Schweizervolkes als zähes frostresistentes Bergkraut lässt uns ahnen, dass wir nächstens wohl noch einiges auf die Kappe kriegen.

Als Kulturschaffender kommt man mit allen Schichten der Gesellschaft in Kontakt, ohne wirklich irgendwo dazu zu gehören. Als Künstler habe ich im Gegensatz zur grossen Mehrheit der Bevölkerung das Privileg, mich öffentlich äussern zu können. Im Unterschied zu einem Politiker muss meine Meinung in keine Parteischublade passen, aber ich habe noch nie in Geheimnis daraus gemacht, dass mein Herz, so wie es anatomisch richtig ist, links schlägt.

Genaugenommen ist das erst die zweite 1. Mai Rede in meinem Leben. Meine erste Rede hielt ich vor 35 Jahren. Da war ich noch ein verwirrter Jungkommunist und wollte ums verrecken den Staat zerschlagen. Zum Glück haben wir nicht gewonnen, wir wären erbärmlich gescheitert. Heute wehre ich mich für jeden Rest Sozialstaat, der uns noch geblieben ist.

Jetzt, da die neoliberalen Konzepte zusammen mit den wertlosen Wertpapierhalden bloss noch für den Schredder taugen, schreien die Global-Player plötzlich nach dem Staat, den sie zuvor abschaffen wollten. Wie ein Kind, das nach der Mama schreit. Und Mama Helvetia hilft, schickt prompt das Milliarden-Carepaket, damit der arme lernbehinderte Goof sich wenigstens den Bonisalat reinschaufeln kann. Und zwar ohne politische Kontrollmöglichkeiten durch den Souverän.

Als wäre nichts passiert. Kaum hat der letzte kantonale Volkswirtschaftsdirektor gelernt das Wort „Shareholder“ richtig auszusprechen und kapiert, dass es sich dabei nicht um ein englisches Wort für Coiffure handelt, da war es mit dem neuökonomischen Zauber auch schon wieder vorbei. Kaum oben und schon wieder unten.
Lassen wir uns die Freude am 1. Mai trotzdem nicht nehmen, obwohl von einer wirtschaftlichen oder gar sozialen Klimaerwärmung überhaupt nichts zu spüren ist. Höchstens von einer klimatischen. Die Zahl der Konkurse, Arbeitslosen und Kurzarbeiter steigt in schwindelerregende Höhen und zwar weltweit. Hinter den Statistiken verbergen sich menschliche Schicksale, Familien die ins Elend gestürzt werden. Weltweit werden bald eine Milliarde Menschen als Folge der Finanzkrise vom Hungertod bedroht sein.Der internationale Monopolikapitalismus hat historisch ausgewürfelt, nur die Mitspieler haben es noch nicht bemerkt.

Die Finanzblase kann man einrollen und granulieren, den Kapitalismus bald nur noch schnupfen, wie die Kokainderivate der Drogenbarone.

Jetzt stehen wir da und müssen fassungslos zuschauen, wie dieser monströse Finanztumor die reale Wirtschaft frisst, unsere Arbeitsplätze, unsere Altersgroschen, die wirtschaftliche Zukunft der nächsten Generationen und des ganzen Planeten, wenn sich nicht grundsätzlich weltweit etwas ändert.

Wenn man weiter nur auf den nächsten Aufschwung wartet, ohne das ausser Rand und Band geratene Finanzkapital zu bändigen, wartet man bloss auf die nächste Katastrophe. Die bürgerlichen Parteien, finanziell von den Geldern der Banken abhängig, stellen diese Krise zum Zwecke der Machterhaltung, als eine Art Naturkatastrophe dar, um von ihrer Verantwortung abzulenken. Sie beschwichtigen, der Bankrott wird als eine Art ökonomischer Schnupfen dargestellt, der dann schon wieder vorbei geht, wenn man nur genügend Salbe anmacht und rüber schiebt. „Hedge-Fonds“ tönt ja auch wie ein Schnupfen.
„Gesundheit! “ kann man da nur wünschen, was aber nichts nützt, wenn man die Ursache der Krankheit nicht bekämpft.

Weil diese Krise nichts anderes ist, als eine Art Schweinegrippe des Finanzkapitals.
Klar, meine ich das zynisch. Tatsache ist aber, dass sich das Kapital wie ein Virus verhält, dessen einziger Daseinszweck die eigene Vermehrung ist. Ein primitiver Organismus ohne Moral.

Ins Leben gesetzt durch das fatale Zusammenspiel dummer Erben und Kapitalisten, falscher politischen Ideen und der empörenden „Gier ist geil“ – Moral der Sachwalter des Kapitals, à la Ospel, Madoff etc., welche ihre Macht dazu benutzen um in ihre eigene Tasche zu wirtschaften und sich als eine Art neue Aristokratie aufspielen. Diese Leute sind gar nicht fähig mittel – oder langfristig zu planen. Sie sind mit ihrem Denken bewusstseinsmässig in ihren Quartalsabschlüssen gefangen.
Die sind wie Dagobert Duck auf Crack, haben jede Bodenhaftung verloren und eigentlich müsste man sie therapieren, weil ihr Suchtverhalten pathologisch ist. Oder wenigstens als Realityshow im Container Format vermarkten.
Das würde die Quoten heben, mit den Werbeeinnahmen könnten die dann auch ihr Scherflein dazu beitragen, den Schaden den sie angerichtet haben, zu berappen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen wir uns deswegen unsere Lebensfreude nicht nehmen, schliesslich haben wir ja nur dieses eine Leben.

Die Lage ist beschissen, aber wir dürfen uns nicht hinunterdrücken lassen. Wir müssen die Faust aus dem Sack nehmen. Für den Erhalt und die Erhöhung der Reallöhne. Für die Sicherung der Arbeitsplätze und unserer Sozialwerke. Für anständige Mindestlöhne. Das es in diesem Land Workingpoors gibt ist eine Schande.

Ich bin ja nicht gegen den Reichtum, nur gegen die Armut! Armut ist keine Schande, höchstens für die Reichen. Die Arbeit muss wieder aufgewertet, die Realwirtschaft gestärkt und der ökologische Umbau entschieden vorangetrieben werden. Der Staat muss massiv in Infrastruktur, Bildung, Umweltschutz und Kultur investieren. Die Milliarden sitzen doch sonst auch locker.

Helvetia darf nicht nur die Mutter der Nummernkonten sein.

Der Staat soll stellen und nicht legen.

Vor allem aber müssen wir aufhören zu jammern, uns zusammenschliessen und nach vorne schauen. Das Primat der Ökonomie über die Politik wird bald vorbei sein und der Neoliberalismus wird in der Rumpelkammer der Geschichte landen. Wir brauchen neue Perspektiven, weil der ausgeflippte Finanzkapitalismus die Produktivkräfte hemmt die wir benötigen um die Welt ökologisch umzubauen, falls wir beabsichtigen unsere Präsenz als menschliche Gattung auf diesem Planeten noch um ein paar tausend Jahre zu verlängern.

Zu den Produktivkräften zähle ich auch Artenvielfalt, Klima, die Luft und das Wasser. Dieses System hat alles zur Ware gemacht, sogar mit der Luft wird Mittels Co2-Kompensationen schon spekuliert, der Krieg ums Wasser hat schon lange begonnen und Grosskonzerne schicken sich an, die Kontrolle über die Welternährung zu übernehmen.

Diese Krise birgt auch eine Chance, es kommt nur darauf an, was wir daraus machen. Wir haben die historische Chance etwas zu ändern. Vorher hätte man uns ja nicht geglaubt, jetzt ist die Katastrophe wenigstens offensichtlich.
Lasst euch den Mumm nicht nehmen. Eine neue Welt zu bauen kann Spass machen, glaubt mir. Schliesslich bin ich ein echtes Kind des 1. Mai und Marxist weil ich ein Fan von Chico, Harpo, Groucho, Gummo und Zeppo Marx bin.

Zudem verehre ich neben Karl May auch Karl Marx, der hat ein paar gescheite Sachen über die Krise geschrieben. So rufe ich euch denn zu, Indianer aller Länder vereinigt euch, schliesslich haben wir alles zu verlieren.

Widerstand ist sexy, bleibt gesund und Dankeschön fürs Zuhören

Kapitalistischer Antikapitalismus
Von Christoph Mörgeli
Weltwoche vom 07.05.2009

Der Kapitalismus ist in der Krise, am Ende, tot. Glauben die Linken. Und liefern gleichzeitig den Gegenbeweis: Denn niemand versucht zurzeit so sehr, Kapital aus der Kapitalismuskrise zu schlagen, wie die Antikapitalisten.
Dabei handeln die Akteure ganz nach dem offenbar quicklebendigen kapitalistischen Angebots- und Nachfrageprinzip. Diese unschlagbare Formel wirkt selbst dann, wenn Bedarf ist nach antikapitalistischer Rhetorik.
Wo die Kunden rufen, steht ein Lieferant bereit.
Am vergangenen i. Mai, zum Tag der Arbeit, wurde besonders laut gerufen. Ein Lieferant brandaktueller antikapitalistischer Rhetorik ist der Musiker Endo Anaconda.
Seine Diagnose, die er an der Kundgebung in Zürich zum Besten gab: «Diese Krise ist die Schweinegrippe des Finanzkapitalismus.»
Eine zufällige Zuordnung. Würden in diesen Tagen ein paar englische Kühe die Augen erdrehen, hätte der Finanzkapitalismus den Rinderwahn. Nun drängt sich halt die Schweinegrippe auf. Und es kichert der zoologisch bewanderte Sozi: Sind die Finanzhaie denn nicht irgendwie auch Schweine? Ein bisschen Medizin (Schweinegrippe), ein bisschen Ökonomie (Finanzkrise), ein bisschen Sozialismus («Lest endlich Marx!»), und fertig ist das antikapitalistische Süppchen.
Wer um jeden Preis aktuell sein will, hechelt immer der Zeit hinterher. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bereits Entwarnung durchgegeben: Der Schweinegrippevirus ist weniger gefährlich als befürchtet. Mindestens die Hälfte seiner Symptome müssen der menschlichen Hysterie zugeschrieben werden. Gesundet nun mit der Schweinegrippe auch der Finanzkapitalismus? Endo Anaconda hält dagegen. Er will «das Primat der Ökonomie» stürzen. Gegenüber der Gewerkschaftszeitung Work beschreibt der Sänger, wie er sich die Zukunft seiner Kinder wünscht: Sie sollten Zeit haben, sich zu entwickeln (also möglichst lange nicht arbeiten), nicht bis 68 krüppeln müssen (also weniger lang arbeiten) und über ein Grundeinkommen von 3500 Franken verfügen dürfen (also gar nicht arbeiten).
So viele Ideen. Und jetzt, wo der Kapitalismus wankt, müsste doch mindestens so viel möglich sein. Doch Anaconda ist enttäuscht: «Die Linke macht zu wenig aus der Krise!» Nicht nur der Kapitalismus steckt in der Krise, auch sein Stiefgenosse: der Antikapitalismus.

Der Autor ist Historiker und SVP-Nationalrat.

Endo Anaconda
Vielleicht versuche ich es nächstes Mal mit einer 1.-August-Rede.
Tagesanzeiger vom 22.05.2009

Eigentlich meide ich Massenanlässe. Ich gehe höchstens zur 1.-Mai-Demo oder mit meinem Sohn an die BEA, diese heimelige Leistungsshow der Berner Wirtschaft.
Wegen der Nutztiere, dem Lunapark und den Degustationen, durch welche wir uns jeweils zu fressen pflegen. Mit den ewigen Swimmingpool-Pumpen und Minitraktoren können wir weniger anfangen. Diese Dinge sind doch wohl eher etwas für eine Sonderzone mit Park oder für Leute, die zu Hause ein Schwimmbecken oder wenigstens einen Whirlpool haben. In derlei Sprudelbädern bin ich allerdings wegen meiner Angst vor Virenbefall noch nie gelegen, weil sich höchstens Leute mit Bandscheibenproblemen oder Selbstmörder freiwillig allein in so einen Sprudeltopf setzen. Ich dusche lieber.
Interessanter für den Junior sind da schon die Kühe und die Säuli. Nie hätte ich mit der aufgebrachten Reaktion eines Säulizüchters wegen meiner 1.-Mai-Rede gerechnet, in welcher ich politisch unkorrekt die Finanzkrise mit der «Schweinegrippe» verglich. Der erboste Landmann verwehrte mir sogar die Hartwurstdegustation.
Die Branche fürchte wegen des Unworts Umsatzeinbussen.
Außerdem seien die Säuli, im Unterschied zu den Finanzprofis, irgendwann satt, wenn sie genug gefressen hätten.
Und solange sie ausreichend Platz zum Ausleben ihres Spieltriebs zur Verfügung hätten, äußerst soziale Tierli.
So hielten wir uns halt an die «Öpfelchüechli» mit einem Kaloriengehalt, welcher einem Indianerstamm am Orinoko einen Monat lang über die Runden helfen würde. Hernach gings noch für 10 Franken auf eine dieser unvermeidlichen Idiotenschleudern, danach degustierten wir retour.
Noch bevor der Ritt auf der Höllenmaschine absolviert war, plagten mich auch schon Zweifel an meiner 1.-Mai-Rede. Das Virus könnte sich andere Wege und Wirte suchen.
Büssi, Hamster, Hundeli, weiße oder schwarze Schafe oder gar Ziegen. Dann hätte die SVP ein Wahlkampfproblem auf der emotionalen Ebene, welche es in jeder Wahlkampfstrategie braucht, um das «Jööh, wie herzig»-Wählersegment zu bedienen. Zottel, das SVP-Maskottchen, dürfte nur noch mit Mundschutz auftreten.
Wenigstens finde ich meine Vergleiche manchmal selber unpassend.
Das ist halt der Unterschied zwischen einem linken und einem rechten Hofnarren.
Christoph Mörgeli empfindet die SVP-Plakatkunst wahrscheinlich immer noch als künstlerisch hochstehend, versuchte ich meine Aussagen für mich zu relativieren, während wir auf dem Riesenrad den Blick zum Jura hin schweifen ließen. Das erste Mal seit 35 Jahren «Völker, hört die Signale!», und gleich hört Christoph Mörgeli mit und wirft mir feixende linke Demagogie vor.
Nur weil unangeschnallt Auto fahren momentan immer noch gefährlicher ist, als durch die Schweinegrippe zu Schaden zu kommen.
Mit dem Vorsatz, nie wieder eine 1.-Mai-Rede zu halten, torkelten wir schließlich, noch immer schwindlig vom Hardcore- Karussell, nach Hause. Dort wartete bereits ein Mail eines mir bekannten Hobbyvirologen, welcher mir androhte, dass die Schweinegrippe nächstens zur Hasengrippe werden könnte, sofern ich weiter die Absicht hätte, abwertende Vergleiche zwischen der interessanten Welt der Viren und dem Börsengeschehen zu ziehen. Viren seien keineswegs nur primitive Wesen, deren einziger Daseinszweck die eigene Vermehrung ist, sondern im Gegenteil äußerst lernfähige, komplexe Organismen. Vielleicht versuche ich es nächstes Mal mit einer 1.-August-Rede.


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Montag, Juni 29, 2009

Damit nie wieder geschehe, was damals geschah

Rede von Esther Bejarano



Auf der Lenin-Liebknecht-Luxemburg-Veranstaltung der DKP am 8. Januar 2005 in Berlin, die ganz im Zeichen des 60. Jahrestages der Befreiung Deutschlands vom Faschismus stand, hielt Esther Bejarano eine Rede, die wir ungekürzt abdrucken.
Es ist mir eine Ehre und gleichzeitig ein Bedürfnis, zu euch heute sprechen zu können. Der 60. Jahrestag zur Befreiung von Auschwitz, der hierzulande am 27. Januar als Gedenken an die Shoa und damit auch zur Befreiung vom Hitlerfaschismus begangen wird, war zwar die Befreiung von Auschwitz, aber nur für ganz wenige Gefangene, nämlich diejenigen, die, krank und gehbehindert, nicht auf den Todesmarsch gehen konnten. Viele Gefangene fanden auf den Todesmärschen den Tod, die nicht nur von Auschwitz ausgingen, sondern auch von anderen Konzentrationslagern, weil die SS-Schergen, die bewaffnet neben uns liefen, alle erschossen, die hinfielen und nicht schnell genug aufstehen konnten.

Ich ging auf dem Todesmarsch, der von Ravensbrück ausging. Das war Ende April 1945. Zu siebt in einer Reihe marschierten wir Tage und Nächte. Wir sieben Mädchen trafen uns beim Todesmarsch wieder, als unsere Kolonne die Gefangenen des Nebenlagers von Ravensbrück "Malchow" mitnahmen. Die sechs jungen Frauen waren mit mir seit 1942 im Zwangsarbeitslager Neuendorf bei Fürstenwalde/Spree und fuhren mit mir gemeinsam in Viehwaggons in das Vernichtungslager Auschwitz, wo wir am 20. April 1943 ankamen. Dort hatten wir uns aus den Augen verloren. Umso glücklicher waren wir, uns auf dem Todesmarsch wieder gefunden zu haben. Als wir in der Kolonne in Mecklenburg umherirrten, hörten wir, wie ein SS-Mann zu einem anderen sagte, es dürfe nicht mehr geschossen werden. Wir beschlossen, aus der Kolonne zu fliehen, warteten, bis wir durch einen Wald kamen, und eine nach der anderen versteckten wir uns hinter dicken Bäumen, bis die Kolonne mit der SS-Bewachung nicht mehr zu sehen war. Dann zogen wir unsere Sträflingskleidung aus, darunter hatten wir Zivilkleidung, und gingen in eine andere Richtung. Wir erzählten uns, was wir erlebt hatten. Ich war im Oktober 1943 gemeinsam mit 70 Frauen von Auschwitz nach Ravensbrück verbracht worden, weil das internationale Rote Kreuz nach sogenannten Mischlingen gesucht hatte, die laut Nazigesetz in keinem Vernichtungslager sein durften. Ich hatte eine christliche Großmutter, die mir wahrscheinlich dass Leben gerettet hat. Aber auch die Musik rettete mir das Leben, denn ich spielte im Mädchenorchester Auschwitz-Birkenau Akkordeon und musste so keine physische Arbeit mehr leisten. Vorher musste ich schwere Steine von einer Seite eines Feldes auf die andere Seite schleppen. Am nächsten Tag mussten wir dieselben Steine wieder zurückschleppen, wo sie vorher lagen. Diese Arbeit, die völlig nutzlos und erniedrigend war machte ich drei bis vier Wochen. Ich war schon völlig am Ende meiner Kräfte, denn die Devise der Nazis war "Vernichtung durch Arbeit". Als ich eines Abends in den Block kam, in dem wir "übernachteten" in Kojen mit 7-10 Gefangenen, ohne Decken und Matratzen, stand Frau Tschaikowska, eine polnische Musiklehrerin, auch eine Gefangene, im Block und suchte nach Frauen, die ein Musikinstrument spielen konnten. Sie bekam von der SS den Befehl, ein Mädchenorchester aufzustellen. Ich meldete mich, denn ich konnte Klavier spielen. Ein Klavier gab es in Auschwitz nicht. Die Tschaikowska sagte, wenn ich Akkordeon spielen könnte, würde sie mich prüfen. Da ich unbedingt von dem schrecklichen Steineschleppen wegkommen musste, log ich und behauptete, ich könne Akkordeon spielen. Durch meine Musikalität schaffte ich die Prüfung und wurde ins Orchester aufgenommen. Wir mussten am Tor spielen wenn die Arbeitskolonnen aus dem Lager marschierten und wenn sie abends wieder zurückkamen. Später mussten wir spielen, wenn neue Transporte aus ganz Europa ankamen, die direkt ins Gas fuhren. Wir wussten wohin die Züge fuhren. Mit Tränen in den Augen spielten wir. Die Menschen in den Zügen winkten uns zu. Sicher dachten sie, wo die Musik spielt, kann es ja nicht so schlimm sein. Hinter uns standen die SS-Männer mit ihren Gewehren.

Nach langen beschwerlichen Wegen trafen wir sieben Mädchen amerikanische Soldaten, die uns in dem kleinen Städtchen Lübsz in ein Restaurant einluden, nachdem wir ihnen unsere Nummer, die die Nazis uns auf unseren linken Arm ein tätoviert hatten, zeigten. Dabei erzählte ich ihnen über Auschwitz und das Mädchenorchester. Ein Amerikaner kam plötzlich und schenkte mir ein Akkordeon. Dann hörten wir einen riesigen Krach auf der Straße. Als wir aus dem Restaurant traten sahen wir die Rote Armee, die einmarschierte und sie riefen uns zu: Kapitulation, der Krieg ist aus, Hitler ist tot. Wir waren glücklich. Die Amis und die Russen lagen sich in den Armen und küssten sich. Wir Mädchen waren dabei. Das war der 8. Mai 1945. Die Soldaten meinten, das müsse gefeiert werden. Ein Amerikaner und ein Russe gingen in ein Geschäft, das neben dem Marktplatz lag, sie holten ein riesiges Hitlerbild, stellten es auf den Marktplatz und zündeten es an. Es brannte lichterloh und alle Soldaten und die sechs Mädchen tanzten um das Bild herum und ich spielte die Musik dazu.

Das war meine Befreiung, oder wie ich immer sage, das war meine zweite Geburt. Darum meine ich, dass der 8. Mai hier doch ein Nationalfeiertag sein müsste, die Befreiung vom Hitlerfaschismus. Und so komme ich zum Thema von heute. Naziaufmärsche sind hier keine Seltenheit. Antifaschisten werden zu hohen Geldstrafen verurteilt, weil sie gegen Naziaufmärsche demonstrieren. Demonstrierende gegen Naziaufmärsche werden von der Polizei mit Wasserwerfern von der Straße gefegt.

In Buxtehude wollte der Direktor eines Gymnasiums verhindern, dass ich als Zeitzeugin und ehemalige Gefangene in Auschwitz in seiner Schule vor ca. 200 Schülern meine Erlebnisse schildere. Der Grund war, dass ich Mitglied der VVN - Bund der AntifaschistInnen sei und diese ja im Verfassungsschutzbericht als verfassungsfeindlich und gewaltbereit stehen würde. Ich bin trotzdem dort als Zeitzeugin aufgetreten. Die Schüler und ich haben uns durchgesetzt.

In Landshut sollte nach Antrag der CSU beim dortigen Bürgermeister die VVN von sämtlichen Veranstaltungen ausgegrenzt werden. Bleibt zu hoffen, dass die VVN sich dort durchsetzen wird.

Unsere Regierenden richten sich nicht nach unserem Grundgesetz, in dem es heißt, dass alle Nachfolgeorganisationen und Parteien der NSDAP verboten sein müssen. Die deutschen Gerichte halten es nicht für angebracht, die NPD und die DVU zu verbieten. Der braune Mob vergrößert sich von Tag zu Tag. Wohin soll das noch führen?

Unsere Vorbilder Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wären, würden sie noch leben, dagegen auf die Barrikaden gegangen. Wir Antifaschistinnen und Antifaschisten müssen noch intensiver gegen Neonazismus vorgehen, damit nie wieder geschehe was damals geschah.

Quelle: unsere zeit - Zeitung der DKP


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Dienstag, September 09, 2008

Bernd Begemann: Fast Weltweit

Hab hier, für die jüngeren oder den gerade erst mit deutscher Musik in Kontakt tretenden Kolleginnen und Kollegen mal ein paar schöne Texte über das Fast-Weltweit-Label rausgesucht, die man erst nach intensiverem Suchen findet - angefangen mit einem Text von Bernd Begemann im tagesspiegel.



Ich heiße Bernd und bin der Sohn von Tierarzt Begemann aus der Ahornstraße in Bad Salzuflen. Ich gehe ins Schulzentrum Lohfeld. Das ist immer derselbe Weg: die Wasserfuhr runter und dann links. Manchmal drehe ich ein bisschen durch und zwar immer dann, wenn ich die Gegend, durch die ich mich bewege, nicht mit der Gegend in mir zusammenbringen kann. Discjockeys erziehen mich.

Zu der Zeit war ein Discjockey kein personenkultiger Halbgott, der in wichtiger Gehirnchirurgenpose mit eingeknicktem Kopf sein sakrales Vinyl befingerte. Sondern jemand, der uns mitreißen wollte und das konnte, weil er unser Vertrauter war. Warum?

Es ist früher Abend, du stehst allein in derselben alten Küche, in der die Mutter dein Milchfläschchen wärmte, aber das war mal, du bist heute sagen wir mal dreizehn, das ist jetzt alles anders, wieso stehst du dann immer noch in derselben Küche verdammt, du fühlst dich fehl am Platz, WDR2 läuft, Mal Sandock sagt „Hey! Hier ist die Neue von den Sweet! Ganz fantastischer Super-Sound!“ und es ist vielleicht „Ballroom Blitz“ und du kannst noch nicht so gut Englisch und verstehst nicht, dass es um Randale in diesem Song geht, aber du verstehst es doch. Du verstehst, dass du soeben mächtig wurdest, denn nun kennst du das Gegenteil deiner Situation. Wo eben noch Lähmung war, ist nun Brian Conollys Hysterie. Was eben noch hygienisch war, ist nun blutbesprenkelt. Was eben noch statisch war, schwirrt, flimmert, fliegt. Du bist komplett. Die Küche steht unter Wasser. Ein Lied hat das gemacht. Musik kann jeden Ort transzendieren, so würde ich das jetzt ausdrücken mit meinem ganzen neuen Vokabular.

Frank Werner geht in eine Klasse über meiner und sieht aus wie John Lennon.

Punkt für ihn.

Spielte Blues-Mundharmonika auf dem Schulfest.

Hm...

Das ist etwas Hippie, Abzug in der B-Note.

Frank Werner hat ein Vierspur-Tonbandgerät.

Oh mein Gott.

Ein Vierspur-Tonbandgerät, werter Herr, ist in den späten Siebzigern in der Provinz, um die Schande komplett zu machen auch noch in Ost-Westfalen, ein äußerst seltenes und wertvolles Tier. Gegenstand von Legenden und Begehren. Die Beatles hatten bloß drei Spuren – man könnte eine Spur besser sein als die Fab Four! Frank macht Experimente mit Naturgeräuschen, lässt Vogelstimmen rückwärts laufen usw. Na ja, er lebt am Waldrand, wie man so hört.

„Hey Werner! Schon mal daran gedacht, ein Lied aufzunehmen? Kannst du das überhaupt mit deiner Maschine?“

„Oh, es ist eine Tascam.“

Keine Ahnung, wovon er spricht.

Mein erstes aufgenommenes Lied hieß „Kleine Begebenheit vor der Paketfabrik“ und fängt ungefähr so an : „Leider musste ich/ die Stechkarte in die Stechuhr stecken/ so konnte ich mir dein Gesicht nicht merken/ deshalb habe ich dich nicht nach dem Namen gefragt/ und deshalb habe ich dich nur noch von hinten gesehen/ doch ich dachte für mich/ du bist wunderschön.“ Weil ich fünfzehn war, von meinem Ferienjob geschockt und fest entschlossen, nicht mehr loszulassen.

Frank Werner macht das alles Spaß, er lebt ein halbes Jahr lang von Haferflocken und kauft eine Acht-Spur.

Baut die modrige Garage eines Nachbarn aus. Wow, hier könnten wir Schlagzeug aufnehmen! Wie bei richtigen Platten! Da ist dieser Sohn von Landschaftsgärtner Spilker, die haben eine Band, nennen sich Discount, das ist mehr so Wave, und die singen englisch, aber die haben einen richtigen Schlagzeuger !

Wenig später singt „Spüli“-Spilker deutsch, weil es interessanter ist und nennt seine Bands nur noch „Die Sterne“.

Wen es da alles gibt in unserer Gegend! Da ist ein Krankenpfleger aus Bielefeld, Andreas Henning, hat so eine Art Beat-Band namens The Time Twisters. Prima Songs, „Was weiß Yvonne“, „Porsche Girl“, „Ich überfliege alle Berge“. Ein lokaler Schwimm-Champion aus Herford, Achim Knorr, nennt sich „Der Fremde“ und interpretiert seine Songs wie „Ich möchte alles“ in einer eigenartigen Mischung aus Athletik und Weichheit.

Nur ein Mädchen ist auch da: die Tochter des Orthopäden aus der Osterstraße, Bernadette Hengst. Schreibt, singt, spielt Gitarre und Akkordeon. Beeindruckt alle. Wird später Die Braut haut aufs Auge gründen.

Mein bester Freund Michael Girke nennt sich „Jetzt!“ und schreibt Kracher-Songs wie „Kommst du mit in den Alltag“ oder „Das Dorf am Ende der Welt“.

Dann ist da noch dieser Junge aus Brake, Jochen Diestelmeyer, nennt seine Band „Die Bienenjäger“, klingen poppig, ein bisschen wie „Atztec Camera“. Seine spätere Band tauft Jochen „Blumfeld“ und ich finde das ein bisschen gewollt, sich nach einer Kafka-Erzählung zu benennen. Habe ihn gern, muss aber immer an ihm rummeckern. Wie am kleinen Bruder, den ich als Einzelkind nie quälen durfte.

Wir helfen uns. Spüli spielt für Bernadette Bass, ich spiele für Achim Gitarre, und alle singen bei allen Chor und klatschen auf den Beat. Und alle hören alle Aufnahmen von allen und finden sie toll. Und denken sich bloß im Hinterkopf, das sie es selber ein bisschen besser machen werden. Beim nächsten Mal. Verbindet uns etwas?

Ja, zwei Dinge.

Wir sind irrelevante Landeier und wir singen ausschließlich über das Wichtigste. Auf Deutsch. Bestimmt nicht aus nationaler Gesinnung und schon gar nicht aus Hipness-Gründen. In den Achtzigern, nach der Implosion der Neuen Deutschen Welle, sang man nicht deutsch. Peinlich so was. Man war exotistisch, kommerziell-internationalistisch. „New York, Rio, Tokio“ hieß der maßgebliche Radiohit. Auf Englisch von einer Frankfurter Band.

Da können wir nicht mithalten, Kinder...

Und, verdammich, warum sollten wir?

Ihr wollt in Tokio sein?

Ihr wisst ja nicht mal, wie Bielefeld funktioniert!

Ihr seid auf einer Yacht mit Duran Duran?

Das Leben findet in Wohnungen statt.

Macht die Augen auf und ihr befindet euch in der futuristischsten Gegend überhaupt – eurer Nachbarschaft.

Wir unternehmen eine Expedition ins Bekannte – ihr werdet nichts wiedererkennen.

Vor uns hat niemand das Naheliegendste versucht.

So oder so ähnlich versuchte ich, meinen Gefährten und mir Stolz zu geben, wenn wir uns mal wieder von der „Welt“ ausgeschlossen, von der Höhe der Zeit abgeschnitten fühlten. Es war keine programmatische Entscheidung, in unserer Muttersprache zu singen. Wir taten es, wir tun es, um zueinander zu sprechen, um zu unseren Nachbarn zu sprechen und um die Gegenstände in der Nähe zu halten.

Alfred Hilsbergs Zimmer im Hamburger Karo-Viertel war extrem unaufgeräumt und darunter lag sehr viel Donald-Duck-Spielzeug. „Ich sammele die“, erklärte der berühmte Underground-Impressario Frank Werner und mir. Schließlich hatte er uns doch noch empfangen, nach zahllosen telefonischen Vertröstungen und geplatzten Terminen. Nach einer endlosen Fahrt in Franks französischem Kleinwagen war er nicht wie verabredet zu Hause gewesen und wir hatten zwei Stunden auf seiner Schwelle gewartet wie Tramps, wie Groupies, wie Fans, wie Stalker. Was macht’s. Unsere Zeit ist nichts wert, wir sind niemand, aber bitte, großer Mann, der du alles lenkst, höre unsere Aufnahmen. Sie sind alles, was wir haben, das Einzige, das etwas mit uns selbst zu tun hat. Von nichts Anderem haben wir uns je etwas erhofft.

Und Alfred hörte zu, das musste man ihm lassen, dafür war er bekannt. Aber was sagte er? „Ich finde das ganz interessant, aber ich werde es nicht rausbringen.“

Frank und ich sahen uns noch ein bisschen die Stadt an, dann fuhren wir den ganzen Weg zurück.

Wer braucht diese Hamburger Schnösel. Das handhaben wir selbst. Kann ja nicht so wahnsinnig schwer sein. Irgendwohin wird das schon führen.

Das „Fast-Weltweit“-Label aus Bad Salzuflen. Ein paar Sampler, ein paar Singles, ein paar LPs. Keine Videos, kein Vertrieb. Kaum jemand hörte uns. Die meisten haben uns gespürt.




Aus HEADSPIN #13, Dezember 1995

Fast Weltweit - Versuch eines Überblicks

Die Reformation deutschsprachiger Popmusik ruht nicht nur auf den Schultern sogenannter Szenemetropolen wie Hamburg und Berlin. Gerade die (wieder: sogenannte) Provinz hat hart arbeitende Vertreter, Prediger und Propheten in die Schlacht um die Konsumentenbekehrung geworfen. Einer dieser Partisanentrupps hat In Bad Salzuflen seine Homebase, Zweigniederlassung ist Köln. Name das Labels: Fast Weltweit.
Ab 1984 bis heute wurde In Klein- und Kleinstauflagen ein Sampler, 5 Singles und zwei MCs veröffentlicht. Aus dieser Clique rekrutieren sich sechs Formationen: Die TIme Twisters, Die Bienenjäger, Der Fremde, Die Sterne, Jetzt! und Bernadette Hengst.
Anders als die derzeitige deutschsprachige Überband Kolossale Jugend, sind die Texte nicht frei assoziierbares Stückgut, sondern radikal-peinliche Liebes- und Heimatlyrik. Verschenktes Leben in der Großstadt und alle Facetten der Zweisamkeit werden penibel durchgereimt beleuchtet. Wem man nicht die Ehrlichkeit bei Jedem Ton spüren würde, wäre es Schlager.
Auch musikalisch Iiegen die Projekte eng beisammen. England-orientierter Tea-Time-Pop steht hoch Im Kurs. Bands mit Gütesiegel sind Vorbild. Jam, Smiths, Housemartins. Auch Jonathan Richman spielt eine große Rolle, doch mehr in der Haltung: trotz sensibler Simplizität und kitschiger Unverfrorenheit Würde behalten, gar Respekt ernten.
Ab und an im Radio gespielt zu werden, hätte sicherlich jede Combo verdient. Hammerharte Nerven braucht nur der Gesamtkatalog-Rezensent. Das ist mir alles einfach zu bieder und zu brav und oft wortreich nichtssagend. Meine Hoffnung ist, daß sich aus den vielen guten Ansätzen ein/zwei Gruppen den Weg zu eigener spannender Musik bahnen können. Der Fremde sind dabei auf dem besten Weg. Ansonsten werden sie weiter als Gaudilieferanten in Kritikerkreisen mißbraucht werden.

Holger Schmitz


Warum Deutsch! Warum Du!

Es ist länger als ein halbes Jahr her, daß ich ein Package-Konzert des Fast-Weitweit-Labels in Berlin sah und aus spontaner Begeisterung die Akteure spät nachts zu einem längeren Interview zusammensuchte. Da mühten sich aufgeweckte junge Menschen um Erklärungen, warum sie deutsch singen und wie es überhaupt angehen kann, daß ungefähr zehn Sänger und Sängerinnen aus der Gegend um Bad Salzuflen zur selben Zeit auf die Idee kommen, deutschsprachige Bands jenseits von Fun-Punk und Sozialdemokraten-Rock zu gründen. Was zu Fast Weltweit geführt hat, eher ein Freundeskreis denn ein Label (neben zwei Compilation-Tapes sind zwischen 1985 und heute kaum mehr als fünf Singles von F-W-Acts erschienen), und zu einer hauseigenen Linie, die Michael Girke (aka Jetzt!) mit "Rückbesinnung auf das deutsche Lied und Suche nach einer zeitgemäßen Form" beschreibt. Und es rührte mich, als Jochen Distelmeyer mit geschwollener Halsschlagader "lang, lang, lang, Iang lag ich wach und habe nur in dich gedacht... was werden wir finden?" sang, mit seiner Band, die Die Bienenjäger heißt von denen es ein Stück mit dem unglaublichen Titel "Tatjana Traurig" gibt wo die Theaterstudentin, die tatsächlich Bernadette Hengst heißt, im Hintergrund summt, die selbst ein Lied geschrieben hat in dem sie ihre Eltern bittet, etwas mehr Verständnis für ihre rüpelhaften Freunde (womit die netten Label-Kollegen gemeint sind) aufzubringen. Unglaublich, nicht wahr? Zumal, wenn dann im Falle Die Sterne eine knackige Ferien-Single ("Ein verregneter Sommer") dabei rausspringt, die es verdient hätte, Jule Neigel aus den Teen-Charts zu drängen. Doch am meisten ärgert man diese jungen Leute mit der Feststellung, ihre Texte seien pubertär und trieften vor gymnasialem Tagebuch-Sentiment. Bernadette: "Du hast selbst gesagt, die Auftritte hätten dich gerührt." ( Peinlich berührt, fühlte mich wie ein verliebter 14jähriger, und wenn ich das wäre, würde ich sie dafür lieben und ihre Platten kaufen, sie so reich und berühmt wie Heinz-Rudolf Kunze machen ...) "Außerdem kann man mit der deutschen Sprache nicht all das singen, was man in englisch singen kann. 'Fuck' zum Beispiel, ich könnte nie 'ficken' singen, das klänge furchtbar." ( Hätte schon gerne gehört, wie es klingt wenn Bernadette 'ficken' singt, zur akustischen Gitarre... Und: Lieber Der Fremde als Lustfinger oder Abstürzende Biertauben. Auch wenn das deutsche Lied in seiner zeitgemäßen Form, dem Bad-Salzuflen-Beat, stark britisch klingt, nach den Pale Fountains (Bienenjäger) und der one-man-Folk-Version der Mary Chain (Der Fremde). Aber das ist der Charme schüchtemer Abiturienten aus westfälischen Kleinstädten, die sich für Paddy McAloon oder mindestens Roddy Frame halten, die eigenen kleinen Sehnsüchte, Problemchen und Liebesnöte erbarmungslos in Refrains offenbaren und das Publikum ermahnen, leiser zu sein. Dig the new Hornbrillen-Groove! (Ah, grabt das neue Grumbeln...!)

Sebastian Zabel / SPEX 8/89


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Montag, Juli 14, 2008

Miss Universe gewählt

Vor knapp drei Stunden las ich, dass Dayana Mendoza aus Venezuela heute Nacht zur Miss Universe gekürt wurde.
Ich dachte sofort, dass man hervorheben sollte, dass die neue Miss Universe aus dem Land mit der wohl attraktivsten Alternative zu unserem neoliberalen Kapitalismus stammt. Hoffte heraus zu finden, dass sie überzeugte Kommunistin sei und hinter dem Kurs von Chavez stünde. Ein Bild von Dayana gemeinsam mit Hugo wäre wundervoll gewesen.

Schönheitswettbewerb im kommunistischen Vietnam von Sozialistin aus Venezuela gewonnen.

So, oder ähnlich, dachte ich könnte man den Artikel aufziehen.
Doch irgendwie fand ich trotz Recherche nichts Vernünftiges, um die ausgesprochen hübsche Dayana mit sozialistischen Ideen oder zumindest emanzipatorischen Ansätzen in Verbindung zu bringen. Im Gegenteil, verschiedene Quellen zitieren Frau Mendoza mit folgendem Ausspruch: "Männer denken, dass der schnellste Weg zu einem bestimmten Punkt der gerade Weg ist. Frauen wissen, dass der schnellere Weg über die Kurven führt."
Tja, den Schönen gehört die Welt. Lookism hin oder her, der Ausgang von Schönheitswettbewerben hat nichts mit Sozialismus zu tun, sondern nur mit Biologie. Hierzu ein schön zu lesener Artikel von Ildikó von Kürthy.


Es ist gemein, ungerecht und leider nicht zu ändern: Schöne Menschen haben es leichter im Leben. Und was ist mit dem Rest? Der kann mit dem Schicksal hadern. Oder sich das Diktat der Schönheit zunutze machen, meint Bestseller-Autorin Ildikó von Kürthy.

Er kann den Blick nicht von mir wenden. Ab und zu fällt ihm das selbst auf, dann schämt er sich ein wenig und schaut hastig weg. Aber nie lange. Er kehrt immer wieder zu mir zurück. Vorbei an der Schulter meiner Begleiterin glotzt er, was das Zeug hält. Freilich, er ist nicht mein Typ. Aber andererseits, wenn einer so offenkundig fasziniert von mir ist, dann spricht das ja irgendwie für ihn. "Ich muss langsam los", sagt die Frau mir gegenüber und greift nach ihrer Tasche. Er guckt erschrocken, als er unseren bevorstehenden Aufbruch bemerkt, und schreibt etwas auf einen Zettel. Meine Güte, ist das lange her, dass mir jemand seine Telefonnummer zugesteckt hat. Wie gesagt, er ist nicht mein Typ, aber was sagt das schon? Aussehen ist ja schließlich nicht alles.

An der Tür hat mein Bewunderer uns eingeholt. "Kennen wir uns nicht irgendwoher?" - "Ich glaube nicht", höre ich meine Begleiterin sagen, milde, dennoch bestimmt. Sie dreht sich um. Er schaut wie ein gescholtener Cockerspaniel auf ihren Hinterkopf. Dahin, wo er schon den ganzen Abend geschaut hat. Ich hatte nur aus Versehen in der Schusslinie der begehrlichen Blicke gesessen. Er bleibt zurück. Und sie schiebt ab, diese Göttin mit ihren 86 Zentimetern Brustumfang. Ihrer verdammten 60-Zentimeter-Taille. Größe: 1,75. Augen: grün. Tagessatz: nicht unter 10 000 Euro. Ich hinterher. Taille? Ich hatte auch mal 'ne Taille, jetzt hab ich ein Kind.

Das hast du davon, wenn du mit einem Supermodel auf 'nen Drink gehst. Die sieht sogar von hinten noch besser aus als du von vorn. Sie heißt Hartje Andresen, ist 23 und irre schön und ständig auf irgendwelchen schicken Magazinen vorn drauf. Sie hat eine Wohnung in New York und in ihrem Leben nur wenige Cocktails selbst bezahlen müssen. Die Türen, die sie sich selbst aufgemacht hat, kann man an einer Hand abzählen.

Es ist skandalös und irgendwie altmodisch, eine Beleidigung für den Verstand, es ist empörend, und es ist nicht zu ändern: Schönheit ist ein unverdientes Privileg. Wir werden aufgrund unseres Aussehens ganz automatisch ungleich behandelt. Die Vorteile, die ein ansprechendes Äußeres verschaffen, sind so gravierend, dass es in den USA Überlegungen gibt, dass Angeklagte vor Gericht nicht mehr persönlich erscheinen müssen oder eine Vertretung schicken dürfen. Hässliche Angeklagte bekommen nämlich härtere Strafen als ansehnliche - und für Schauspieler wäre es ja vielleicht ganz lukrativ, sich für einen guten Zweck als Gesichtsvertretung für Kriminelle zu vermieten.

Wer schöner ist, hat es leichter. Vorbeigehen am durchschnittlichen Rest, das ist es, was den Schönen vergönnt ist. Während du sehr glücklich warst, wenn du überhaupt am Türsteher vorbeikamst, wurden Mädchen wie Hartje vom Disco-Besitzer persönlich aus der Warteschlange herausgewinkt. Da fällt mir ein: Ist hier eigentlichnoch jemand im Sommer 1989 mehrfach an der Tür des "P1" in München gescheitert? Ich trug Overknees und perlmuttfarbenen Lipgloss, und trotzdem, immer wenn ich endlich an der Reihe war, handelte es sich angeblich um "eine geschlossene Gesellschaft".

Und Hartje - hätte sie zu dem Zeitpunkt bereits an Warteschlangen vorbeilaufen können, sie wäre bestimmt auch damals schon drinnen gewesen. In der geschlossenen Gesellschaft, die immer offen ist für Leute, die schön genug sind oder zumindest im richtigen Auto vorfahren. Ich fuhr irgendwas mit Dieselmotor, und das hatte mir der Türsteher wohl angesehen. Er bedeutete mir mit einer nachlässigen Geste, ich solle kehrtmachen und verschwinden. Was hätte ich tun sollen? Rufen: "Ich habe zwei Bücher von Nietzsche gelesen und sogar etliches darin unterstrichen"? Ich murmelte stattdessen etwas wie: "Wenn ich mal 'ne eigene Disco hab, dann lass ich Sie auch nicht rein", und schlich beschämt davon. An dieser Zurückweisung habe ich bis heute zu knabbern und würde mich gern mit anderen Betroffenen zu einer Protestgruppe formieren.

Allerdings: Wofür sollten wir protestieren? Für ein Gesetz zur Wahrnehmung innerer Werte? Gegen die Diskriminierung von Leuten, deren Gesicht nicht symmetrisch ist, deren Brustwarzen und Bauchnabel kein gleichseitiges Dreieck bilden, deren Beine nicht halb so lang sind wie der ganze Körper, deren Kopflänge nicht ein Siebtel der gesamten Körperlänge beträgt - die also nicht den Maßen des weltweit gültigen, klassischen Schönheitsideals entsprechen?

Der erste Eindruck hängt nur zu sieben Prozent von dem ab, was ein Mensch sagt. Den Großteil unserer Wirkung macht unsere Oberfläche aus. Und zwar von Anfang an: Frühgeborene Babys zum Beispiel, die ja noch ziemlich lange schmal und etwas greisenhaft aussehen, werden tatsächlich häufiger vernachlässigt und können schwerer an Pflegeeltern vermittelt werden. Babys, die hübsch aussehen, hingegen werden sogar von ihren Müttern häufiger angelächelt. Je mehr ein Baby dem typischen Kindchenschema entspricht - große Augen, kleiner Mund, Stupsnäschen, rundes Gesicht -, desto fürsorglicher und liebevoller wird es von seinen Mitmenschen behandelt. Barbiepuppen, Arielle die Meerjungfrau, Pokémons und amerikanische Serienschauspielerinnen werden nach diesem Vorbild gebaut.

Wann immer wir die Augen weit aufreißen, den Mund spitzen und unsere Stimme zu einem Stimmchen machen, versuchen wir unser Gegenüber zu manipulieren und dazu zu bringen, uns wie ein Kindchen zu behandeln, nämlich mit Zuneigung und Aufmerksamkeit. Und wie gut das funktioniert, kann man nicht nur in Dorfdiscos und auf Pro 7 bei "Germany's Next Topmodel" studieren, sondern überall. Aber nicht nur Schönheit wird einem in die Wiege gelegt, sondern auch der Sinn für Schönheit. Neugeborene blicken länger und lieber in schöne Gesichter. Bloß ihre Mutter, biologisch natürlich sehr sinnvoll, blicken sie am allerliebsten an, und zwar egal, wie sie aussieht.

"Wir beurteilen Menschen hauptsächlich nach ihrem äußeren Erscheinungsbild, nicht nach ihren inneren Werten. Von inneren Werten spricht nur, wer es sich erlauben kann. Attraktivere Kinder kriegen die besseren Noten, attraktivere Studenten machen die bessern Abschlüsse, und attraktivere Uni-Absolventen bekommen die besseren und höher bezahlten Jobs." Das sagt in einem Interview mit der Schweizer "Weltwoche" der Attraktivitätsforscher Karl Grammer, und er scheint auch noch Recht zu haben. Die Bevorzugung von Schönheit ist durch alle möglichen Versuche und Studien zweifelsfrei belegt: Hübsche Kellnerinnen bekommen mehr Trinkgeld. Auf dem Bürgersteig wird den schönen Menschen Platz gemacht, ansehnliche Verkäufer machen mehr Umsatz. Sogar Hühner, diese Schweine, bevorzugen im Experiment schöne Menschen. Das zum Trost all jenen, die glauben, sie seien die Einzigen, an denen trotz inständigen Winkens das Taxi vorbeirauscht, nur um 60 Meter weiter vor sehr langen Beinen zum Stehen zu kommen.

"Prinzipiell sind Männer immer auf der Suche nach dem besseren Sex. Das gilt auch für Taxifahrer." Das sagt mein Freund Rudi. Auf wissenschaftlich heißt das so: "Das entscheidende Kriterium ist der Moment des höchsten reproduktiven Wertes." Karl Grammer sagt: "Die Männer wählen die Frauen letztendlich aufgrund der Attraktivität aus. Das ist einfach im System drin, das bringt auch die Emanzipation nicht weg." Und Klartext schreibt der Autor Ulrich Renz in seinem Buch "Schönheit, eine Wissenschaft für sich": "Mit Körbchengröße C lassen sich durchaus ein paar Jahre Studium ersetzen."

Das funktioniert, wie wir leider alle wissen, nicht andersherum: Bildung ersetzt keine Brüste. Wegen deines "Summa cum laude" lädt dich garantiert kein Unbekannter mit Hintergedanken auf ein alkoholisches Kaltgetränk ein. Und deine praktische Kurzhaarfrisur kannst du nicht mit profunden Kenntnissen in Altgriechisch ausgleichen.

Schönheit zählt. Und vielen reicht sie sogar. Hartje Andresen sagt: "Was ich sage und denke, ist nicht so wichtig. Wenn ich den Mund aufmache, sind die meisten ganz überrascht, dass ich überhaupt sprechen kann. Ich kann mehr, als nur gut auszusehen." Das erwartet aber keiner von ihr. Und man fragt sich da schon ab und zu verzweifelt: Herrje, wo sind wir denn? Im Neandertal? Die Antwort lautet: ja. Der Mensch ist, biologisch betrachtet, auch nur ein Tier. Und ob Fadenwurm, Hängebauchschweinchen oder Bundestagsabgeordneter - alle Tiere haben nur eins im Sinn: satt zu werden und sich zu vermehren. Im männlichen Gehirn, das Mutter Natur ja übersichtlich und platzsparend eingerichtet hat, wurden beide Bedürfnisse in einem Bereich angesiedelt. Wenn ein Mann also eine attraktive Frau sieht, wird der Teil seines Gehirns aktiviert, der ansonsten für Hunger zuständig ist. Und das ist Biologie, nicht Fantasie.

Autor Ulrich Renz, der selber sehr schön ist und sich bereits dreimal erfolgreich vermehrt hat, sagt: "Ein Mann, der Falten attraktiv fände, könnte sich nicht fortpflanzen." Und dabei schaut er mir ausgerechnet in die Augen, und ich frage mich, ob die Straffung von Schlupflidern wohl von meiner Krankenkasse übernommen werden würde. Männer hüten sich vor faltigen Frauen, weil Schönheit und Jugend, Symmetrie, glatte Haut und glänzendes Haar ein Versprechen sind für ein paar appetitliche Gene. Und auf der Jagd nach dem optimalen Erbgut verliert das Männchen gern mal seinen Verstand, was das folgende Experiment aus Ulrich Renz' Buch eindrucksvoll beweist: Männliche Testpersonen wurden angewiesen, ihre Hand so lange wie möglich in eiskaltes Wasser zu tauchen. Die Probanden hielten fast doppelt so lange aus, wenn die Versuchsleiterin eine schöne Frau war. Ein paar Mal musste das Experiment sogar abgebrochen werden, weil die Typen sich sonst die Flosse abgefroren hätten, bloß um dem Weibchen zu imponieren.

Und nun zu Ihnen, liebe Leserinnen, die jetzt hochmütig lächeln und glauben, sie hätten ja schon immer gewusst, dass in jedem Mann ein beknackter Affe steckt: Sie haben absolut Recht. Aber jedem beknackten Affen steht ein dummes Huhn gegenüber, dass sich beeindrucken lässt. Ich kann nur sagen: Was das angeht, passen Männer und Frauen blendend zusammen. Die einen lieben Schönheit, die anderen Status. Und beide hoffen so auf das optimale Fortpflanzungsergebnis.

In einem Versuch hat man Frauen dieselben Männer einmal im Anzug und einmal in einer Burger-King-Uniform gezeigt. Das Ergebnis ist peinlich, und Sie können es sich denken. Und wenn man den Damen vor so einem Experiment die Information zuspielt, bei einem der Anzugträger handele es sich um einen Arzt, dann gibt es überhaupt kein Halten mehr. Sie wittern das Alphatier. "Frauen bewerten einen Mann deutlich attraktiver, wenn er seinen Reichtum nicht einem Lottogewinn, sondern dem Verkauf einer eigenen Firma verdankt", steht in Ulrich Renz' Buch, "Frauen legen weniger Wert auf Attraktivität, während Männer gut auf Status verzichten können."

Man sieht es an Flavio Briatore und Boris Becker, was Frauen gewillt sind für sexy zu halten, wenn sie bloß eine solide finanzielle Grundversorgung ihres potenziellen Nachwuchses wittern. Und die menschlichen Weibchen haben sich da ein ganz perfides System ausgedacht: Zum Zeitpunkt ihres Eisprunges gehen Frauen besonders gern mit dem schicken Alphamännchen ins Bett, um sich dessen Erbgut zu sichern. Heiraten tun sie dann aber lieber den unattraktiveren, dafür aber um so fürsorglicheren Mann, der sie nicht mit den Kindern sitzenlässt.

So treffen auf den Motorjachten und in den Besenkammern dieser Welt zwei niedere Instinkte aufeinander, um sich fortzupflanzen und anschließend zu behaupten, dass wahre Schönheit von innen käme. Brad Pitt behauptet, ohne rot zu werden: "Natürlichkeit ist sexy. Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn Frauen sich die Brüste vergrößern lassen." Ach was. Und warum, du Bürschchen, bist du dann nicht mit mir zusammen, sondern mit Angelina Jolie, die seit ihrer Geschlechtsreife ihre Füße nicht mehr gesehen hat? Und es sind nicht ihre inneren Werte, die ihr die Sicht darauf versperren.

Nein, Freundinnen, das Thema Schönheit ist nicht rundweg erfreulich und keinesfalls harmlos oder eindeutig. Natürlich bilden wir uns alle ein, das wir um unser selbst willen geliebt werden, weil wir Humor haben und Herzenswärme, Verstand und Nachsicht. Wir stehen drüber. Wir sind nicht oberflächlich. Wir haben's nicht nötig. Schönheit liegt schließlich im Auge des Betrachters. Schönheit ist relativ. Alles, was man mit Liebe betrachtet, ist schön. Und so weiter. Aha. Und warum haben Sie sich dann kürzlich diese Anti-Aging-Creme aufschwatzen lassen und einen Betrag dafür hingelegt, für den Sie problemlos Nietzsches gesammelte Werke hätten erwerben können?

Wir verurteilen Oberflächlichkeit, lesen die "Bunte" selbstverständlich nur beim Arzt und ärgern uns die Krätze an den Hals, wenn unser Typ einer bildschönen Kellnerin unangemessen viel Trinkgeld gibt, obschon sie nicht mal "Guten Tag" gesagt hat.

Ein Freund von mir hat neulich mit einer sehr hübschen, sehr blöden Pute rumgeknutscht. Die ist, wie er selbst zugab, völlig hohl in der Birne. "Aber das stört ja beim Küssen nicht", hat er kleinlaut eingeräumt. Und meine wirklich sehr gute Freundin Monika schläft derzeit mit einem Typen, der fünf Jahre jünger ist als sie und aussieht wie Matthew McConaughey. Ich garantiere Ihnen: Sähe er aus wie Günter Verheugen, hätte sie die Affäre längst beendet, und zwar exakt in dem Moment, als Matthew seine erste SMS an sie unterschrieb mit "ddk". Wir rätseln bis heute, was diese Abkürzung wohl bedeuten könnte. Eine Umfrage im geneigten Freundeskreis ergab: "Dicker, dicker Kuss". Weniger wohlwollende Stimmen vermuteten "Du dumme Kuh" oder "Dein doofer Kerl". Einig waren wir uns jedenfalls, dass man eine so alberne Grußformel niemandem verzeihen kann. Es sei denn, er sieht aus wie, na ja, Sie wissen schon.

Diese Form der Fixierung auf Äußerlichkeiten verurteile ich natürlich zutiefst. Ich plädiere dafür, hinter Fassaden zu blicken - während ich selbst einen Gutteil meines Vermögens in den Erhalt meiner Fassade stecke. Wenn man die Anzahl meiner Schmink-Utensilien betrachtet, käme man auch nicht automatisch drauf, dass mir ein gutes Gespräch wichtiger ist als ein gutes Make-up. Und in der Zeit, die ich in meinem Leben auf Laufbändern und in "Complete Body Workout"-Kursen verbracht habe, hätte ich mich auch habilitieren können.

Meine Freundin Corinna ist im Vorstand einer erfolgreichen Firma. Corinna arbeitet ungefähr 845 Stunden in der Woche, und wenn man sich mit ihr verabreden will, spricht man darüber am besten mit ihrer Sekretärin. Die meisten ihrer Vorstandskollegen haben sich mittlerweile daran gewöhnt, dass Corinna klug ist, machtbewusst und noch dazu sehr gut aussieht. Privat lebt sie bewusst mannlos, weil sie keine Lust auf Kompromisse hat, bloß weil sie mehr verdient, als die meisten Typen aushalten können. Sie sagt: "Das kastriert Männer."

Nächste Woche fährt Corinna für ein paar Tage zu Wellness und Schönheitspflege. "Ich finde, meine Firma sollte sich am Erhalt meines Äußeren finanziell beteiligen", sagt sie. "Je besser ich aussehe, desto besser fühle ich mich, desto besser arbeite ich".

Ja, Leute, so ist es nämlich. Es lohnt sich nicht nur, schön zu sein, um andere zu beeindrucken, sondern auch sich selbst. Frauen, die geschminkt sind, werden für selbstbewusster gehalten, und im Vergleich zu ungeschminkten werden ihnen anspruchsvollere Berufe zugetraut. Und: Sitzen Frauen ohne Make-up vorm Spiegel, lächeln sie sich 0,9-mal zu. Nachdem sie sich selbst geschminkt haben, lächeln sie sich fünf-, und wenn sie von einer Visagistin gestylt wurden, sogar achtmal zu. Dabei sinkt langsam die Stirntemperatur - ein wissenschaftlicher Indikator für körperliches Wohlgefühl.

Und noch ein erschreckendes Experiment, wo wir gerade dabei sind: Wenn man Männer und Frauen Mathe-Aufgaben lösen lässt, gibt es keine Unterschiede in den Leistungen. Allerdings nur, wenn alle Versuchspersonen bekleidet sind. Frauen in Badesachen schneiden deutlich schlechter ab als Männer in Badesachen, weil sie sich über ihr Aussehen mehr Gedanken machen als über die Aufgaben.

Nun gut, wir wissen alle, dass Schönheit vergeht. Es gibt also absolut keinen Grund, sich auf sie zu verlassen. Wenn du heute hübsch und doof bist, dann bist du in 15 Jahren nur noch doof. Die Investition in Verstand ist also wie eine Kapitalverlängerung. Wir wissen aber auch, dass Schönheit erreichbarer und haltbarer geworden ist. Wer heute mit 50 so alt aussieht, wie er ist, sieht alt aus. Unsere Sehgewohnheiten haben sich verändert, seit wir umgeben sind von makelloser Schönheit, von gemachter Schönheit, von glattgespritzten Stirnen, gestrafften Bauchdecken und schwerkraftunabhängigen Brüsten.

Demzufolge stieg der Anteil derer, die mit ihrem Körper unzufrieden sind, in den Jahren 1972 bis 1997 von 23 Prozent auf 56 Prozent bei den Frauen und von 15 auf 43 Prozent bei den Männern. Derzeit hält sich in Deutschland nur jeder vierte Junge und jedes fünfte Mädchen für gut aussehend. Kein Wunder: Blöderweise vergleichen sich Menschen nämlich am liebsten mit extrem schönen Artgenossen, wie zum Beispiel Models und Schauspielerinnen. Und wenn selbst die an ihrem Aussehen rummeckern, was soll dann unsereins sagen?

"Ich denke jeden Morgen: O Gott, wie schrecklich sehe ich aus! Im Bad brauche ich trotzdem nie länger als zehn Minuten", sagt Jennifer Lopez, die blöde Kuh, die mit ihrem Arsch Maßstäbe gesetzt und den Verkauf von Po-Implantaten angekurbelt hat.

Was man sich heutzutage alles straffen und aufpolstern lassen kann, ist der helle Wahnsinn: Waden werden verschlankt, Knie entrunzelt. Und seit unter deutschen Duschen die Intimrasur zur Regel geworden ist, werden in Deutschlands Operationssälen immer häufiger auch Schamlippen gerafft und verkleinert. Falten dürfen bei uns demnächst nur noch Vorhänge werfen.

Ted Linow, Chef der Agentur "Mega Model", die unter anderem Hartje Andresen und Marcus Schenkenberg vertritt, sagt: "Auf Knopfdruck werden mit dem Computer Beine verlängert und Taillen verjüngt. Andersrum wird für Katalogmode ein sehr dünnes Model auch mal aufgeblasen. Schon hat sie Größe 40. Falten gibt es heutzutage kaum noch. Und weil alle digital geglättet werden, möchtest du natürlich nicht der Einzige mit einem Entenhals sein. Was man allerdings immer auf Fotos sieht, ist Dummheit. Die können sich nur die ganz jungen Mädchen erlauben. Ab 24 brauchst du Ausdruck."

Angelina Jolie findet sich nicht hübsch, Nicole Kidman hätte lieber den Körper von Jennifer Lopez - bloß Veronica Ferres ausgerechnet findet sich recht ansehnlich. Sie liebt ihre Falten, "denn jede einzelne bedeutet gelebtes Leben". Das könnte man natürlich auch über jeden verlorenen Zahn und jeden Tränensack sagen.

Dr. Regina Wagner, Fachärztin für Plastische und Ästhetische Chirurgie mit eigener Praxisklinik in Hamburg, sagt: "Falten fehlen keinem. So wenig wie ein Schnupfen." Längst sind es nicht mehr nur Schauspielerinnen, Models und eitle Millionärsgattinnen, die sich für die Schönheit unters Messer legen. 70 Prozent der Deutschen haben keine Einwände mehr gegen Schönheits-Operationen. Im Gegenteil. Es gibt Düsseldorferinnen, die mit Stolz ihre Verbände spazieren tragen. Da gilt, ähnlich wie in Amerika, die neue Nase als Statussymbol. "Was das angeht, gibt es in Deutschland ein Nord-Süd-Gefälle", sagt Dr. Wagner. "In München freut man sich, auf einer Party dem Schönheits-Chirurgen zu begegnen. In Hamburg wird mit dem Thema etwas dezenter umgegangen." In Dr. Wagners Praxis gibt es aus Diskretionsgründen zwei Wartezimmer, um prominente Kundschaft aneinander vorbeizuschleusen. Patientinnen sind in der Regel zwischen 35 und 45 Jahre alt, sehen von hinten immer noch aus wie Mitte 20 und fühlen sich nicht so alt, wie sie sind. Dr. Wagner sagt: "Ich zurre Gesichter nicht glatt. Und ich operiere auch keine Launen von Teenagern. Aber die Natur ist grausam. Warum sollte man ihr freien Lauf lassen? Man geht ja auch mit 70 noch zum Friseur. Die meisten meiner Patientinnen bereuen nach der Operation nur eines: dass sie den Eingriff nicht schon früher haben machen lassen."

Es ist so schön, schön zu sein. Schönheit macht das Leben einfacher. Aber glücklicher macht gutes Aussehen nicht. Komisch eigentlich. Aber gerecht. Ähnlich wie Geld ist auch Schönheit etwas, woran man sich gewöhnt. Wer ständig in den Genuss von Vorteilen kommt, genießt sie irgendwann nicht mehr. Was jedoch definitiv unglücklich macht, ist: sich an einem unerreichbaren Ideal zu orientieren. Sich leblos liften zu lassen in der Hoffnung, einen Kampf zu gewinnen, den man von vornherein verloren hatte.

Wie weit darf man gehen im Ringen um die Schönheit, ohne Schaden zu nehmen? Und wie weit sollte man gehen, um das Beste aus sich zu machen - außen und innen? Mein Freund Leo ist ein anderer Mensch geworden, nachdem er 25 Kilo verloren hatte, regelmäßig zum Friseur ging und begann, Wert auf sein Äußeres zu legen. Ich kannte ihn früher nicht, aber er sagt von sich selbst, dass er ein rechtes Scheusal war, sich ständig zurückgewiesen fühlte und darauf mit Arroganz reagierte. Je besser er aussah, desto freundlicher wurde er. Heute werfen sich ihm die leckersten Mädchen an den Hals, und er fragt sich immer noch hin und wieder, ob es sich um eine Verwechslung handelt. Das gute Aussehen hat ihm extrem gut getan.

"Es kann niemanden verwundern, dass die Schönen oft auch die Gewinnenderen und Sympathischeren sind; waren sie doch in vielen kleinen, episodenhaften Alltagssituationen - vom Kindergarten bis in die Vorstandsetage, von der Klassenfahrt bis zum festlichen Stehempfang - weniger allein und seltener ausgeschlossen und gemieden, weniger oft verletzt und gedemütigt, häufiger beachtet und willkommen geheißen, viel öfter mit einem Lächeln bedacht und mit großzügiger Nachsicht behandelt als ihre weniger ansehnlichen Altersgefährten", schreibt der Sozialwissenschaftler Bernd Guggenberger in seinem Buch "Einfach schön". Und: "Der Schöne kann leichter der werden, für den man ihn hält."

Das stimmt. Und deswegen, man muss es leider so sagen, lohnt es sich zu versuchen, so schön wie möglich zu sein. Genauso, wie es sich lohnt, freundlich zu sein, neugierig zu bleiben und am späten Abend auf Kohlehydrate zu verzichten. Natürlich kann man sich dem ganzen Zirkus auch verweigern, sich die Augenbrauen zusammenwachsen lassen, Gesundheitsschuhe tragen und sich die Haare mit einem Einmachgummi aus dem ungeschminkten Gesicht binden. Wem es wirklich egal ist, wie er aussieht, der soll aber auch nicht drüber meckern, dass man ihn nicht gern anschaut.

Sophia Loren, die noch immer blendend aussieht, sagt: "Disziplin ist auf so vielen Gebieten des Lebens der Schlüssel zum Erfolg. Wenn Sie keine Disziplin aufbringen, wird es Ihnen schwer fallen, schön zu sein. Ist eine unscheinbare Frau diszipliniert, wird sie zweifellos mit der Zeit schöner. Machen Sie sich klar, was Sie vom Leben erwarten und wie Sie Ihre Zeit nutzen wollen. Jetzt gibt es für Sie keine Entschuldigung mehr, nicht schön zu sein." Helena Rubinstein hat gesagt: "Es gibt keine hässlichen Frauen. Nur faule."

Es ist nicht wichtig, gut auszusehen. Aber so gut wie möglich. Respekt zu haben vor sich selbst und seinem Äußeren. Mich nerven die Leute, die sich keine Mühe mit sich geben. Die in Trekking-Sandalen durch griechische Tempel schlurfen, die fremde Länder mit ihren bequemen Freizeitklamotten verschandeln. Ich mag sie nicht, die Menschen, die zufrieden mit sich sind, ohne Grund dafür zu haben. Zufriedenheit ist keine Tugend. Es geht um Disziplin und Höflichkeit sich selbst gegenüber. Es geht auch um Würde und darum, den guten Weg zu finden zwischen den Extremen, zwischen dumpfer Ablehnung von Oberfläche und gefährlichem Schönheitswahn.

Es geht darum, besser zu werden von Tag zu Tag. Sich zu verändern, zu reifen, heute klüger zu sein als gestern, lustiger, weiser vielleicht und ja, auch schöner.

"Es gibt passive Schönheiten auf dieser Welt. Ich war nie eine von ihnen. Ich musste kämpfen für meine Ziele, meine Kraft, für meinen Körper. Ich bin immer eine sehr aktive Person gewesen." Das sagt Madonna. Der Kampf hat sich ganz offensichtlich gelohnt. Er lohnt sich immer. Und für jeden.


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Freitag, Juli 04, 2008

Kurt Tucholsky: Heimat

Kurt Tucholsky (1890 - 1935), wortsicherster Journalist der Weimarer Republik, polarisierte zu Lebzeiten und weit über seinen Tod hinaus. Er gehörte von 1920 - 1922 der USPD an. Gegen Ende der 20er Jahre näherte er sich stärker der KPD an, wobei er Wert darauf legte, kein „Kommunist“ zu sein. 1929 veröffentlichte er mit dem kommunistischen Fotomontagekünstler John Heartfield das Werk Deutschland, Deutschland über alles aus dem nachfolgendes Gedicht Heimat stammt.



Aber einen Trost hast du immer, eine Zuflucht,
ein Wegschweifer. Selbst auf Umgebungsflach-
heiten stehen Bäume, Wasseraugen schimmern
dich an, Horizonte sind weit, und auch durch
düstere Verhängung kommt noch Feldatem.
Alfons Goldschmidt: »Deutschland heute«

Nun haben wir auf vielen Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja –: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland.

Dem Land, in dem wir geboren sind und dessen Sprache wir sprechen.

Der Staat schere sich fort, wenn wir unsere Heimat lieben. Warum grade sie – warum nicht eins von den andern Ländern –? Es gibt so schöne.

Ja, aber unser Herz spricht dort nicht. Und wenn es spricht, dann in einer andern Sprache – wir sagen ›Sie‹ zum Boden; wir bewundern ihn, wir schätzen ihn – aber es ist nicht das.

Es besteht kein Grund, vor jedem Fleck Deutschlands in die Knie zu sinken und zu lügen: wie schön! Aber es ist da etwas allen Gegenden Gemeinsames – und für jeden von uns ist es anders. Dem einen geht das Herz auf in den Bergen, wo Feld und Wiese in die kleinen Straßen sehen, am Rand der Gebirgsseen, wo es nach Wasser und Holz und Felsen riecht, und wo man einsam sein kann; wenn da einer seine Heimat hat, dann hört er dort ihr Herz klopfen. Das ist in schlechten Büchern, in noch dümmeren Versen und in Filmen schon so verfälscht, dass man sich beinah schämt, zu sagen: man liebe seine Heimat. Wer aber weiß, was die Musik der Berge ist, wer die tönen hören kann, wer den Rhythmus einer Landschaft spürt ... nein, wer gar nichts andres spürt, als dass er zu Hause ist; dass das da sein Land ist, sein Berg, sein See, auch wenn er nicht einen Fuß des Bodens besitzt ... es gibt ein Gefühl jenseits aller Politik, und aus diesem Gefühl heraus lieben wir dieses Land. Wir lieben es, weil die Luft so durch die Gassen fließt und nicht anders, der uns gewohnten Lichtwirkung wegen – aus tausend Gründen, die man nicht aufzählen kann, die uns nicht einmal bewußt sind und die doch tief im Blut sitzen.

Wir lieben es, trotz der schrecklichen Fehler in der verlogenen und anachronistischen Architektur, um die man einen weiten Bogen schlagen muß; wir versuchen, an solchen Monstrositäten vorbeizusehen; wir lieben das Land, obgleich in den Wäldern und auf den öffentlichen Plätzen manch Konditortortenbild eines Ferschten dräut – laß ihn dräuen, denken wir und wandern fort über die Wege der Heide, die schön ist, trotz alledem.

Manchmal ist diese Schönheit aristokratisch und nicht minder deutsch; ich vergesse nicht, dass um so ein Schloß hundert Bauern im Notstand gelebt haben, damit dieses hier gebaut werden konnte – aber es ist dennoch, dennoch schön. Dies soll hier kein Album werden, das man auf den Geburtstagstisch legt; es gibt so viele. Auch sind sie stets unvollständig – es gibt immer noch einen Fleck Deutschland, immer noch eine Ecke, noch eine Landschaft, die der Fotograf nicht mitgenommen hat ... außerdem hat jeder sein Privat-Deutschland. Meines liegt im Norden. Es fängt in Mitteldeutschland an, wo die Luft so klar über den Dächern steht, und je weiter nordwärts man kommt, desto lauter schlägt das Herz, bis man die See wittert. Die See – Wie schon Kilometer vorher jeder Pfahl, jedes Strohdach plötzlich eine tiefere Bedeutung haben ... wir stehen nur hier, sagen sie, weil gleich hinter uns das Meer liegt – für das Meer sind wir da. Windumweht steht der Busch, feiner Sand knirscht dir zwischen den Zähnen ...

Die See. Unvergeßlich die Kindheitseindrücke; unverwischbar jede Stunde, die du dort verbracht hast – und jedes Jahr wieder die Freude und das »Guten Tag!« und wenn das Mittelländische Meer noch so blau ist ... die deutsche See. Und der Buchenwald; und das Moos, auf dem es sich weich geht, dass der Schritt nicht zu hören ist; und der kleine Weiher, mitten im Wald, auf dem die Mücken tanzen – man kann die Bäume anfassen, und wenn der Wind in ihnen saust, verstehen wir seine Sprache. Aus Scherz hat dieses Buch den Titel ›Deutschland, Deutschland über alles‹ bekommen, jenen törichten Vers eines großmäuligen Gedichts. Nein, Deutschland steht nicht über allem und ist nicht über allem – niemals. Aber mit allen soll es sein, unser Land. Und hier stehe das Bekenntnis, in das dieses Buch münden soll:

Ja, wir lieben dieses Land.

Und nun will ich euch mal etwas sagen:

Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.

Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands ... !« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr.

Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es.

Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird ... wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verbänden.

Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.

Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.


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Domenico Losurdo: Kampf um ein Schlüsselwort


Domenico Losurdo (geb. 1941) ist Professor für Philosophie an der Universität Urbino. Er ist Präsident der Internationalen Gesellschaft für dialektisches Denken. Zusammen mit Hans Heinz Holz gibt er die philosophische Halbjahresschrift Topos heraus.
Losurdo trat Mitte der 1960er Jahre der PCI (Kommunistische Partei Italiens) bei, die sich 1991 auflöste. Später Mitglied der Rifondazione Comunisti (PRC) publiziert er heute als Parteiloser in der kommunistischen Zeitschrift l'ernesto, die innerhalb der PRC für eine Vereinigung der Kommunisten Italiens eintritt



Die Linke sollte die Idee der Nation nicht preisgeben



Es gibt ein Hobby, das bei den Intellektuellen oft großen Anklang findet: Man könnte es das Spiel der Analogien (und der Assonanzen) nennen. Eine breite Debatte hat vor drei Jahren ein Buch von Götz Aly ausgelöst, das mit Vergnügen die gewissermaßen linke Sprache hervorhob, die die Bonzen des »Dritten Reichs« benutzten: Sie forderten für Deutschland den »Sozialstaat« und sogar den »Sozialismus«. Angesichts dieser Analogie oder dieser Assonanz liefen diejenigen, die weiterhin diese Parolen ausgaben, Gefahr, wie Epigonen Hitlers auszusehen.
Das Spiel der Assonanzen
Tatsächlich hat sich die »Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei« von Anfang an als eine »sozialistische« Partei der »Arbeiter« vorgestellt und nicht umsonst die rote Fahne geschwenkt. Wie Aly selber zugibt, galt der »Sozialstaat« oder der »Sozialismus« des »Dritten Reichs« allerdings nur für die höhere Rasse, es war der »Sozialismus des guten Blutes«. Und wenn der Naziideologe Alfred Rosenberg den »Rassestaatsgedanken« feiert, schwenkt er nicht die (vom Hakenkreuz entstellte) rote Fahne, sondern beruft sich vielmehr auf das Beispiel der Vereinigten Staaten, dieses »herrlichen Lands der Zukunft«, wo vor allem im Süden die Rassenhierarchie fest verwurzelt war und die Schwarzen immer noch eine halb-sklavische Rasse waren. Hitler hat sich seinerseits die Eroberung Osteuropas nach dem Modell der Expansion der weißen Rasse und der USA im Westen vorgestellt: dort hat die Dezimierung der eingeborenen Bevölkerung ausgedehnte Ländereien freigelegt; die weißen Proletarier hatten aufgehört, Proletarier zu sein und hatten sich in Landbesitzer verwandelt und gewissermaßen den vom »Dritten Reich« propagierten »Sozialstaat« oder den »Sozialismus des guten Blutes« vorweggenommen.

Was ist die Grundlage der Naziideologie, um die sich alles andere dreht? Ist es die Idee vom »Sozialstaat« und vom »Sozialismus« oder ist es vielmehr der »Rassestaatsgedanke« und die Forderung nach der absoluten Vorherrschaft des »guten Blutes«? Das Schöne am Spiel der Analogien und der Assonanzen ist gerade, daß es erlaubt, ein einzelnes Wort zu isolieren, um von daher das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Aly formuliert deutlich seine Sichtweise: »In der Endphase der Weimarer Republik hatten nicht wenige der späteren NS-Aktivisten kommunistisch-sozialistische Erfahrungen gesammelt.« Klar zeige sich hier die Übereinstimmung zwischen Sozialisten und Kommunisten einerseits und Nazis andererseits!

Die »Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei« bezeichnete sich auch als »national« und »deutsch« und von daher entwickelt Thomas Wagner (jW vom 17.6.2008) das Spiel auf andere Weise: Jetzt werden diejenigen, die von Na­tion reden, verdächtigt, die Sprache des »Dritten Reichs« wiederaufzunehmen. In Wahrheit wollte die Partei Hitlers nicht die der »Deutschen«, sondern die der »Arier« sein und dies bedeutete von Anfang an eine radikale Auseinanderreißung der deutschen Nation. Ausgeschlossen und verfolgt wurden die »Rheinlandbastarde« (die Kinder, die aus der Verbindung zwischen Soldaten afrikanischer Herkunft der französischen Besatzungstruppen und deutschen Frauen geboren waren), die Juden, die Zigeuner, alle diejenigen, die sich der »Rassenschande« schuldig machten, wenn sie sich mit den »niederen« Rassen einließen; schließlich die Sozialisten, die Kommunisten und alle diejenigen, die sich ebenfalls als »Rassenfremde« erwiesen, wenn sie die »Rassenschande« begünstigten oder duldeten.

»Nation« und »Rasse« sind keineswegs dasselbe: Die erste gründet auf der Idee der Gleichheit der Bürger, die zweite auf der Idee der Ungleichheit. Dessen ist sich der französische »Rassentheoretiker« Arthur de Gobineau sehr wohl bewußt: Der Autor des »Essai sur l'inégalité des races humaines« (erschienen 1853 ff.) bringt seine ganze Verachtung für das Wort »Vaterland« zum Ausdruck, das den Aufmarsch der »Menge« heilige und die »ethnische Mischung« legitimiere. Wir haben es mit einer Kategorie zu tun, die auf die französische Revolution verweist. Dies hebt Spengler im Jahre 1933 hervor: »die Gleichheit war es, die (…) den Ruf Vive la nation ertönen ließ«. Rosenberg verurteilt seinerseits »die Begeisterung für den Nationalismus an sich«: erst einmal verallgemeinert, diene die »Losung vom Selbstbestimmungsrecht der Völker« allen »minderwertigen Elementen auf diesem Erdball, für sich Freiheit zu beanspruchen«.
Antagonistische Konzepte

Aber das Spiel der Analogien und der Assonanzen verachtet die Mühe der begrifflichen Analyse und der historischen Forschung. Für Thomas Wagner steht es außer Zweifel: Wer sich nicht dazu entscheidet, die Nation als »eine kollektive Halluzination« zu begreifen, ist von einer recht beunruhigenen ideologischen Verwirrung befallen. Jetzt kann die herrschende Klasse ruhig schlafen: Ob sie nun von »Sozialismus« und von »Arbeitern« oder von »Nation« reden, können die Sozialisten und die Kommunisten jedenfalls als Gesinnungsgenossen der »Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei« diskreditiert werden!

Es sollte jedoch darauf hingewiesen werden, daß man mit dem gerade untersuchten Verfahren jede Losung in Verruf bringen könnte. Man denke an die »Demokratie«. Wie hieß in den Vereinigten Staaten die Partei, die sich mehr als alle anderen für die Verteidigung der Sklaverei und danach für das Regime der white supremacy eingesetzt hat? Sie hieß »demokratische« Partei! Sollten wir also »Demokratie« als Synonym für Sklavensystem und Rassismus betrachten? In Wahrheit legt die Geschichte eine ganz andere Schlußfolgerung nahe. Auf die »Demokratie« haben sich als erste Robespierre und die Jakobiner berufen, die daraufhin die Sklaverei in den französischen Kolonien abgeschafft haben; wenig später haben sich auf diese Losung in den USA und vor allem in den Südstaaten diejenigen berufen, die mit »Demokratie« die Selbstregierung der Sklavenhalter und der Kolonisten meinten. Insgesamt handelte es sich um eine Klasse, die frei und »demokratisch«, ohne Einmischung seitens der Zentralgewalt, den Besitz des den Indianern geraubten Bodens und den Besitz der Sklaven genießen wollte, die dazu bestimmt waren, diesen Boden zu bestellen. Mit dem Zusammenbruch des Ancien régime war inzwischen der Konsens von unten zum einzigen wirksamen Legitimationskriterium der Macht geworden: daher entwickelte sich ein akuter ideologischer Kampf zwischen der abolitionistischen Demokratie und der, die wir als die »Demokratie des guten Blutes« oder als die Herrenvolk democracy bezeichnen könnten.

Etwas Ähnliches findet im 20. Jahrhundert hinsichtlich des »Sozialismus« statt. Nach dem Gemetzel des Ersten Weltkriegs und dem Ausbruch der Wirtschaftskrise sei der Terminus »Liberalismus« – stellt der österreichische Ökonom Ludwig von Mises 1927 bitter fest – »unvolkstümlich« geworden. Sogar die Reaktion ist also dazu gezwungen, sich auf das Terrain des Sozialismus zu begeben. So erklärt sich der Aufstieg und die Machtergreifung des Nazismus. Auf diese Weise bildet sich ein kolossaler Zusammenstoß heraus: auf der einen Seite (in Sowjetrußland) ein Sozialismus, der die Sklaven der Kolonien dazu aufruft, ihre Ketten zu sprengen; auf der anderen Seite (in Hitler-Deutschland) ein »Sozialismus des guten Blutes«, der sich auf die Wiederaufnahme und Radikalisierung der kolonialen Tradition stützen will.

Jetzt sind wir in der Lage, den ideologischen Kampf zu verstehen, der sich um die Idee der »Nation« herausgebildet hat. Diese Idee setzt sich mit der französischen Revolution durch und verweist im Inneren auf die égalité (Gleichheit), die zwischen freien Bürgern herrschen müsse, und auf internationaler Ebene auf die fraternité (Brüderlichkeit) gerade zwischen den Nationen. Es stimmt, später hat der Imperialismus versucht, die Idee der Nation auszunutzen, indem er sie in exklusivem Sinne neuinterpretierte. Aber es handelt sich um ein Vorgehen, das jenem ähnelt, dem wir schon in bezug auf »Demokratie« und »Sozialismus« begegnet sind. Mit Recht hat Dimi­troff 1935, gerade mit dem Ziel, besser den Kampf hauptsächlich gegen den Hitler-Imperialismus zu organisieren, die kommunistische Bewegung dazu aufgerufen, sich von jeder Form von »nationalem Nihilismus« freizumachen.

Der ideologische Kampf hat etwas gemeinsam mit dem militärischen Kampf. Das Heer, das sich in einer schwierigen Lage befindet, versucht, das Geheimnis der militärischen Überlegenheit des Feindes zu lüften, und das geschieht auch auf ideologischem Gebiet: So erklärt sich der Übergang bestimmter Losungen von einem Lager zum entgegengesetzten. Nur oberflächliche Beobachter können diese Ähnlichkeit der Sprache mit ideologischer Affinität verwechseln, die dagegen Ausdruck von Antagonismus ist. Alle Schlüsselworte des politischen Diskurses werden zum Schlachtfeld gegensätzlicher politischer und gesellschaftlicher Lager. Diese Dialektik spielt sich unter unseren Augen ab. Aus der französischen Revolution hervorgegangen, klingt die Parole von den »Menschenrechten« noch im Kampflied »Die Internationale« nach. Aber jetzt, wo die ökonomischen und sozialen Rechte und das Recht jeder Nation, in Frieden und Gleichheit mit allen anderen zu leben aus dem Katalog der Rechte gestrichen worden sind, jetzt wütet das, was mit Recht der »Imperialismus der Menschenrechte« genannt worden ist. Oder man denke an den »Internationalismus«: Alle kennen die große Geschichte im Hintergrund dieser Kategorie, aber niemand darf übersehen, daß sich heute in den USA diejenigen als internationalists bezeichnen, die, im Namen der Ausweitung der universalen Menschenrechte, das souveräne Recht Washingtons theoretisch untermauern, allen Ecken der Welt seinen Willen aufzuzwingen. Nehmen wir uns schließlich die Idee der »Revolution« vor: Es waren die großen Emanzipationsbewegungen, die sie propagierten; das hat aber Faschisten und Nazis nicht daran gehindert, ihre »Revolution« zu glorifizieren, und heute drücken sich die US-amerikanischen Neokonservativen (z. B. Robert Kagan) ähnlich aus, die unter »Revolution« die Ausfuhr der »Demokratie« und des freien Marktes mit den Bomben verstehen.

Diejenigen, die gerne nach Analogien und Assonanzen suchen, können dieses Spiel natürlich weiterführen. Es ist ein nettes Spiel, das auch lustige Retorsionen mit sich bringen kann: Wenn zum Beispiel eine gewisse Linke ihre Verachtung für die Idee der Nation proklamiert, drückt sie sich verdächtigerweise nicht viel anders aus als Gobineau … Soviel sollte klar sein: Der nationale Nihilismus gewährleistet keineswegs eine revolutionäre Reinheit.

Wo bleibt der Klassenkampf?

Wäre es »antimarxistisch«, die Fahne der Nation zu schwenken? Allen sollte bekannt sein, daß Marx und Engels die nationalen Befreiungsbewegungen des irischen und polnischen Volkes stark unterstützten und mit Wohlwollen den Prozeß der nationalen Einheit in Deutschland und Italien verfolgten. Es gibt eine aufschlußreiche Polemik: Marx stempelt als »kretinartigen Zynismus« die Geringschätzung ab, die Proudhon gegenüber der Bewegung in Polen zum Ausdruck bringt, die sich für den Kampf um die nationale Unabhängigkeit einsetzt (MEW 16, 31). Hinzuzufügen ist, daß bei Lenin, Mao, Ho Chi Minh, Castro die Kategorie Nation eine zentrale Rolle spielt.

Wo bleibt also der Klassenkampf? Einer gewissen Linken gelingt es nicht zu begreifen, daß der Klassenkampf immer eine determinierte und »unreine« Konfiguration annimmt. Schon das Manifest der Kommunistischen Partei erklärt, daß der revolutionäre »Auflösungsprozeß innerhalb der herrschenden Klasse«, vielmehr »innerhalb der ganzen alten Gesellschaft« zum Stellungswechsel von Sektoren der herrschenden Klasse führt, die am Ende für die unterdrückte Klasse Partei nehmen (MEW 4, 471). Wenn Lenin später die Bilanz des bolschewistischen Oktobers aufstellt, hebt er hervor, daß »die Revolution unmöglich ohne eine gesamtnationale (Ausgebeutete wie Ausbeuter erfassende) Krise« sei (LW 31, 71). Verständlicherweise zieht es Wagner vor, statt gegen Lenin gegen mich zu polemisieren und entgegnet mir wie folgt: Was für einen Sinn hat es, von »Nation« in einem Land wie Rußland zu reden, das sich durch eine extreme soziale Polarisierung auszeichnet? Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs bedeutet die allgemeine Mobilmachung und die alltägliche Todeserfahrung (die teilweise auch die Ausbeuter oder zumindest ihre Söhne betrifft) den Anfang der »gesamtnationalen« Krise. Drei Jahre später überstürzt sich die Krise: Auch Gesellschaftsschichten, die dem Bolschewismus vollkommen fernstehen, müssen sich davon überzeugen, daß die bolschewistische die einzige Partei ist, die dem Gemetzel ein Ende bereiten und das Land vor dem totalen Untergang retten kann, der droht, es zu zersplittern und in eine Halbkolonie der Entente zu verwandeln (welche tatsächlich später mit Waffengewalt interveniert, auch um die Fortführung des Krieges zu erzwingen). In diesem Sinne – schreibt Gramsci in der Zeitschrift Ordine Nuovo vom 7. Juni 1919 – erobern die Bolschewiki die Macht, natürlich, weil sie die Sache der Augebeuteten vertreten, aber auch, weil sie »das kollektive Bewußtsein des russischen Volks«, das Bewußtsein der Nation zum Ausdruck bringen.

Aufschlußreich ist das, was in den darauffolgenden Jahrzehnten geschieht. Auf den Versuch des deutschen und des japanischen Imperialismus, ganze Nationen zu versklaven, antworten die Sowjetunion und die KP Chinas mit einem nationalen Verteidigungskrieg. Der Klassenkampf verschwindet nicht: Der Große Vaterländische Krieg in der Sowjetunion und der Widerstandskrieg in China sind die bedeutendsten Momente des Klassenkampfs des 20. Jahrhunderts. Um es mit Mao (5. November 1938) zu sagen, ergibt sich in bestimmten Situationen die »Identität des nationalen Kampfes und des Klassenkampfes«; weder in der Sowjetunion noch in China steht der nationale Widerstand im Widerspruch zum Internationalismus. Die dem deutschen und dem japanischen Imperialismus zugefügte Niederlage gibt der Emanzipationsbewegung der Völker auf Weltebene einen kräftigen Auftrieb. Um es mit Gramsci zu sagen: Konkret und wirksam ist nur ein »Internationalismus«, dem es gelingt, »zutiefst national« zu werden.
Linke Pauschalurteile

Verständlich ist, daß dieser Diskurs in Deutschland auf einen besonderen Widerstand trifft: hier hat der Imperialismus mit dem Nazismus eine besonders barbarische Form angenommen. Wie ist das zu erklären? Ein vortreffliches Motto ­Tocquevilles kommt einem hier in den Sinn: »Wer nur Frankreich gesehen und untersucht hat, wird niemals etwas (…) von der französischen Revolution verstehen« (L'Ancien Régime et la Révolution, 1. Kap., 4). Auch auf die Untersuchung der nazistischen Konterrevolution muß dieses Kriterium angewandt werden, das in Wahrheit für alle großen historischen Krisen gilt. Das »Dritte Reich« hat die Abscheulichkeiten einer langen Tradition des Kolonialismus und Rassismus übernommen und radikalisiert, die jahrhundertelang das Wüten des Westens gegen die »niederen Rassen« zum Protagonisten hatte. Der Nazismus hat sich auf diese Tradition berufen, und wer seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf Deutschland lenkt, wird niemals in der Lage sein, den Horror des Hitlerregimes zu erklären.

Wagner vermeidet es nicht nur, über die Grenzen Deutschlands hinauszublicken, sondern er nimmt, statt eines bestimmten politisch-sozialen Systems, »die Deutschen« als solche ins Visier. Aber wer sind die Deutschen? War die Nation nicht eine Halluzination? Seine eigenen Voraussetzungen schmähend, brandmarkt Wagner »die deutsche Schuld am Nazifaschismus«; die »ganz gewöhnlichen Deutschen« werden als »verantwortliche Täter und Mittäter der faschistischen Verbrechen« abgestempelt. Eine gewisse Linke reanimiert den Begriff »Nation« nur dann, wenn es sich um die pauschale Verurteilung der Deutschen handelt, und sie entdeckt ihn, indem sie ihn als Synonym für eine undifferenzierte Masse interpretiert! Vergessen sind die Deutschen, die ihr Leben zunächst für die Verhinderung der nazistischen Machtergreifung, und später für den Widerstand gegen das »Dritte Reich« geopfert haben; vergessen sind die deutschen Opfer des deutschen Faschismus.

Wagner empört sich über meine Behauptung, daß sogar die Deutschen im Verlauf des unerbittlichen Kampfs um die Weltherrschaft einen Rassisierungsprozeß durchgemacht hätten. Für einen Marxisten sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, daß der Imperialismus zur Rassisierung seiner Feinde übergeht und daß die Rassisierungsprozesse niemanden aussparen. »Mein Kampf« spricht von Frankreich als von einem »Mulattenstaat«. Nach Pearl Harbour ist in den Vereinigten Staaten die Überzeugung verbreitet, daß der »Schädel« der Japaner eine Verspätung von »zirka 2 000 Jahren« aufweise. Auf der Gegenseite hat im Ersten Weltkrieg die Entente die Deutschen insgesamt als »Hunnen« und »Wandalen« abgestempelt. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hat F. D. Roosevelt einen Augenblick lang mit der Versuchung der »Kastration« des »deutschen Volks« geliebäugelt. Sind das nicht auch Rassisierungsprozesse? Wo ist also der Skandal? Eine gewisse Linke proklamiert gern, daß sie sich nicht von Diskursen über phantomartige Nationen ablenken lasse, weil sie sich ausschließlich dem Klassenkampf widme: nur daß diese Linke, wenn es sich darum handelt, den Wahnsinn und den Horror der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu analysieren, nur eine einzige Erklärung findet, und zwar die der besonderen und fortwährenden Niedertracht der deutschen Nation!

Um die Gleichheit der Nationen

Zum Schluß: Kann man sich in der heutigen Welt orientieren, wenn man den Begriff »Nation« ignoriert oder liquidiert? Lang ist die Liste der Völker und der Länder, die einer militärischen Okkupation unterworfen oder direkt von der Aggression seitens des Imperialismus bedroht sind oder die versuchen, die neokoloniale Vormundschaft der Monroe-Doktrin1 abzuschütteln. Außerdem müssen wir an Länder wie China, Vietnam, Kuba erinnern, die große Kämpfe nationaler Befreiung hinter sich haben (die von den jeweiligen kommunistischen Parteien angeführt wurden) und die jetzt darum bemüht sind, die politische Unabhängigkeit mit der ökonomischen Unabhängigkeit zu vervollständigen, wobei sie sich mit der Politik des technologischen Embargos oder des totalen Embargos seitens Washingtons konfrontiert sehen. In allen diesen Fällen sind das nationale Bewußtsein und der nationale Kampf ein wesentliches Element des Emanzipationsprozesses.

Wenn sich in den Vereinigten Staaten die aggressivsten Kreise des Imperialismus internationalists nennen, bezeichnen sie als Nationalisten die Länder, die ihre nationale Souveränität verteidigen wollen. Der nationale Nihilismus begünstigt im Endeffekt dieses Manöver. Die Linke ist hingegen dazu aufgerufen, einen wesentlichen Punkt zu klären: Gibt es einen Unterschied zwischen der Verteidigung der nationalen Unabhängigkeit und einem aggressiven Chauvinismus? Wir haben es mit zwei ganz unterschiedlichen Einstellungen zu tun: Die eine ist universalisierbar, die andere nicht. Die Anerkennung der Würde einer Nation ist perfekt kompatibel mit der Anerkennung der Würde der anderen Nationen. Nicht universalisierbar ist dagegen die von Bush jr. gepflegte Anschauung, wonach die USA die »von Gott auserwählte Nation« seien, die die Aufgabe habe, die Welt anzuführen, eine Anschauung, die nur zu furchtbaren Konflikten führen kann. Heutzutage wird der fanatischste Chauvinismus von den Vereinigten Staaten repräsentiert, und diesem Chauvinismus (oder Imperialismus) muß mit dem Kampf um die Gleichheit der Nationen begegnet werden.


1 nach dem US-Präsidenten James Monroe (1817–1825) benanntes außenpolitisches Konzept der Vereinigten Staaten, demzufolge »Amerika den Amerikanern« gehöre. Der am 2.12.1823 von Monroe formulierte Anspruch sollte die internationale Position der USA stärken und Lateinamerika als künftige Einflußsphäre der USA gegen europäische Hegemonieansprüche schützen – d. Red.


Zitierte Literatur:

Götz Aly, Hitlers Volksstaat, Fischer, Frankfurt a. M. 2005 (pp. 11-29); D. Losurdo, Kampf um die Geschichte, PapyRossa, Köln 2007, Kap. IV, § 4 (für den »Schädel der Japaner« und die »Kastration« der Deutschen); D. Losurdo, Hegel und das deutsche Erbe, Pahl-Rugenstein, Köln 1989, cap. XIV, §§ 22 und 24 (für die Kritik an Gobineau, Spengler und Rosenberg hinsichtlich der Idee der Nation); A. Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts (1930), Hoheneichen, München 1937, S. 673 und 645; L. von Mises, Liberalismus, Fischer, Jena 1927, S. 174; A. Hitler, Mein Kampf, München 1939, S. 730.

Quelle: jungewelt.de


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Walter Schmidt: Die deutsche Linke und die Nation

Prof. Dr. Walter Schmidt (72) ist Historiker und Mitglied der Leibniz-Sozietät seit 1993. Er leitete 1964-1984 einen Lehrstuhl an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED und 1984-1990 das Zentralinstitut für Geschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR, deren Ordentliches Mitglied er seit 1985 war. Mehrere Bücher und Sammelwerke zur Geschichte des 19. Jh. - insbesondere zur Revolutionsgeschichte - hat er verfasst bzw. herausgegeben.



Linke Schwierigkeiten mit der Nation ziehen sich wie ein roter Faden durch die deutsche Geschichte. In der deutschen Arbeiterbewegung gab es darüber immer wieder heftige Diskussionen, zu Anfang des neuen Jahrzehnts auch in der PDS, als deren damalige Vorsitzende Gabi Zimmer sich outete, Deutschland zu lieben, und dies verband mit der Forderung, Nation und Vaterland nicht den Rechten zu überlassen, sondern ein eigenes Konzept der Politik zu entwickeln, in dem die Haltung zur Nation nicht ausgespart und ein positives Verhältnis zum Nationalen fixiert wird.

Es gab zahlreiche Stellungnahmen, die das Anliegen von Gabi Zimmer unterstützten und es zu begründen suchten. Darunter war nicht zuletzt eine Meinungsäußerung von Ernst Engelberg,(1) einem Nestor der DDR-Geschichtswissenschaft, der sich nie anfreundete mit der Zwei-Nationen-These der SED, sondern sie - wie andere auch - ablehnte und dessen weithin bekannte Bismarck-Biographie nicht zuletzt geprägt war von der Sorge um die deutsche Nation.(2) Nicht minder zahlreich aber waren auch die teilweise bissigen Kritiken im Geiste eines teilweise extremen nationalen Nihilismus.

Ich zähle mich zu denen, die dafür plädieren, die nationale Frage ernst zu nehmen, eine eigene linke Position zur Geltung zu bringen, auch wenn diese nicht dominant werden kann in einem kapitalistisch-bürgerlichen Deutschland. Ich plädiere für eine positiv-kritische Haltung zur Nation, die sich mit dem rechten Nationalismus entschieden auseinandersetzt und dabei auch die negativen Züge der deutschen Nationalgeschichte, die Verbrechen der Deutschen namentlich im 20., aber auch im 19. Jahrhundert benennt, aber zugleich die Verantwortung für eine Neugestaltung der sozialen Verhältnisse in der Nation auf ihre Fahnen schreibt.

Ein Blick in die Geschichte

In der frühen deutschen Arbeiterbewegung, so etwa bei Wilhelm Weitling, galt national zunächst schlankweg als bürgerlich und war mit dem Ziel der Beseitigung der kapitalistischen Ausbeutung nicht zu vereinbaren. Erst allmählich reifte die Einsicht, dass Nationales auch von den Arbeitern im Sinne einer sozialen Umgestaltung der Nation ernst genommen werden muss. Marx' und Engels' Aussagen im Kommunistischen Manifest dazu sind widersprüchlich: Einerseits finden wir die auf internationalen Zusammenschluss zielende These, die Arbeiter haben kein Vaterland; andererseits aber die Einsicht und die Forderung, die Arbeiter müssen sich zunächst als Nation konstituieren, das will sagen: sie sollen die Nation selbst erobern, um in diesem konkreten nationalen Rahmen die Bourgeoisie zu stürzen, die eigene Herrschaft zu errichten und so ihren Beitrag zur Durchsetzung sozialistischen Fortschritts im Weltmaßstab zu leisten.

Zugleich anerkannten Marx und Engels die Berechtigung nationaler Unabhängigkeitsbestrebungen im Prozess der bürgerlichen Umwälzung (so in Polen, Ungarn, Italien), freilich unter der Bedingung, dass diese Bestrebungen der Verwirklichung entschieden demokratischer bürgerlicher Verhältnisse dienen und auch die Entfaltung der proletarischen Emanzipation fördern, also eine eindeutig antifeudale und perspektivisch auch antikapitalistische Tendenz haben. Dienten nationale Bewegungen in ihrer Sicht der feudalen Reaktion, der Aufrechterhaltung bestehender Machtverhältnisse, verwarfen sie diese, bekämpften sie erbittert wie die der Tschechen und Südslawen in der Revolution von 1848/49, ja negierten das Recht auf nationale Selbstbestimmung und meinten gar, der Untergang solcher Nationalitäten sei historisch gerechtfertigt. Dies verband sich vor allem bei Engels mit einem unerschütterlichen Glauben an die elementare Assimilationskraft der modernen wirtschaftlichen Entwicklung, die kleine Völker in der Perspektive vollständig aufsaugen würde. Nationales ist bei Marx und Engels strikt in ein politisches Konzept der zunächst bürgerlich-demokratischen und dann sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft eingeordnet. Es hat für sie durchaus einen eigenständigen Wert, aber ist in jeder Situation dem Sozialen untergeordnet. Dabei wird jedoch auch ein Zug der Missachtung von national motivierten Massenbestrebungen, namentlich der Bauernschaft, später auch des Proletariats, offenbar, der durchaus demokratischer Kriterien entbehrt. Hier liegen wohl auch gewisse Ansatzpunkte für einen linken nationalen Nihilismus. Beide orientierten sich an sogenannten "lebensfähigen" großen Nationen, die ihnen vor allem historischen Fortschritt zu gewährleisten schienen (Frankreich, England, Italien, Spanien, Deutschland, Polen, Russland, Ungarn, die USA).

Was Deutschland betrifft, so haben sich Marx wie Engels, und ihnen folgend die sozialistische deutsche Arbeiterbewegung, zwischen 1848 und 1871, gemeinsam mit den bürgerlichen Demokraten für die Herstellung eines einheitlichen demokratischen Nationalstaats engagiert. Nationalstaaten galten ihnen als der geeignetste Rahmen zur Entfaltung der proletarischen Emanzipationskräfte und für die Auseinandersetzung mit der Bourgeoisie, aber auch als notwendige Voraussetzung für internationalistische Zusammenschlüsse der Arbeiter.

Es besteht unter nicht wenigen Linken die Auffassung, die Sozialisten hätten seit 1871 ein "lang andauerndes Un-Verhältnis zur Nation" gehabt, weil das Bismarckreich ihr "Feindbild" gewesen sei.(3) Das klingt schön, ist aber falsch. Die Haltung der revolutionären Arbeiterbewegung war vielmehr durch zweierlei bestimmt: erstens Akzeptanz des in Gestalt des Deutschen Reiches geschaffenen Nationalstaats als Kampfboden der Arbeiter um ihre Befreiung und zweitens Überwindung der undemokratischen Gestalt, die Bismarcks Revolution von oben geschuldet war, auf dem Wege einer durchgreifenden Demokratisierung des Reiches. Auch Bebel und Liebknecht haben sehr wohl unterschieden zwischen dem Bismarckreich, das sie bekämpften, und der darin staatlich organisierten deutschen Nation, zu der sie sich bekannten und die sie demokratisch und sozialistisch umgestalten wollten. Sie ließen sich nicht als "vaterlandslose Gesellen" diffamieren. So Bebel an die Konservativen: "Wir sind Deutsche so gut wie Sie, und hängen an diesem Deutschland mit ebensoviel Liebe wie Sie."(4)

Ebenso eindeutig war ihr Bekenntnis zu Patriotismus. Bebel 1880 im Sozialdemokrat:

"Wir bekämpfen den Patriotismus nicht an und für sich, sondern nur insofern, als dieser ein Hetzmittel gegen fremde Nationalitäten dient, als er dazu benutzt wird, den Chauvinismus, den Nationalitätenhass und die Nationaleitelkeit großzuziehen, um mit Hilfe dieser Eigenschaften beliebige Kriege entzünden zu können. ... Der Patriotismus, der in der Liebe zum Land besteht, in dem man geboren, in dessen Sitte und Sprache man erzogen ist, das mit einem Wort den Boden bildet, in dem unser Sein wurzelt und sich entfaltet, dieser Patriotismus wird von der Sozialdemokratie nicht nur nicht verworfen, er wird dadurch tagtäglich von ihr in höchstem Maße dadurch geübt, dass sie das System, das auf diesem Boden herrscht, mit aller Kraft bekämpft und jedem, der diesen Boden verlassen will, zuruft: 'Hic Rhodus, Hic salta - bleibe hier und kämpfe mit, hier ist der Boden, auf dem wir die neue Zeit, die neue Welt zu erkämpfen und zu schaffen haben'."(5)

Allerdings hat sich dieser Standpunkt in der Arbeiterbewegung nie vollständig durchsetzen können; und vor allem gelang es nicht, das Demokratisierungskonzept im Nationalstaat wirklich umzusetzen.

In der KPD dominierte trotz richtiger Standpunkte bei wichtigen Führungskräften wie Clara Zetkin, Hermann Duncker, Gertrud Alexander bis in die 30er Jahre eher nationaler Nihilismus. Das war verknüpft mit der gleichzeitigen Vernachlässigung, wenn nicht Missachtung der durch die Novemberrevolution erkämpften bürgerlichen Demokratie in der Weimarer Republik. National galt vornehmlich als bürgerlich-kapitalistisch. Ich erinnere mich des Ausspruchs eines alten Genossen zu Schwarz-Rot-Gold, als diese Farben 1949 die Fahne der DDR wurde: Sowas haben wir in Weimarer Zeiten Schwarz-Rot-Senf genannt. Daran ändert auch der gescheiterte Versuch einer radikalen Wende 1930 mit dem Programm zur nationalen und sozialen Befreiung nichts, mit dem den Nazis der nationale Schneid abgekauft werden sollte. Das Programm kam zu spät, und seine Wirkung verpuffte auch deshalb, weil damit eine unrealistische, direkt sozialistische Zielsetzung verbunden war.

Nicht zufällig war die Korrektur des VII. Weltkongresses und der Brüsseler Konferenz im Hinblick auf die Stellung zur bürgerlichen Demokratie zugleich verbunden mit einer Hinwendung zu nationalen Traditionen und Werten. (In die Zeit danach fällt übrigens die Äußerung Thälmanns, er sei ein Sohn der deutschen Nation, einer "harten, stolzen, ritterlichen Nation".)

Ich streife nur die komplizierte und wechselvolle Politik der SED in der nationalen Frage, die wir alle - die Älteren zumindest direkt miterlebt haben: Zunächst das Konzept der Wahrung und Wiederherstellung der durch Spaltung verloren gegangenen Einheit der Nation durch antifaschistisch-demokratische und sozialistische Neugestaltung des gesamten verbliebenen nationalen Territoriums nach dem Beispiel der DDR, das sogenannte Sozialistische Wiedervereinigungsgebot, das von 1945 bis zum Ende der 60er Jahre - mit ihren verschiedenen Phasen, bis 1955, von 1955 bis Anfang der 60er Jahre und in den 60er Jahren - reichte; und dann ab 1971 die Zwei-Nationen-Konzeption nach der Anerkennung der Zwei-Staaten-Realität durch die Bundesrepublik. Und schließlich Hans Modrows 1990 verkündeter Ruf der PDS nach "Deutschland, einig Vaterland", der aber ein schon hoffnungsloser Versuch war, den offenkundigen und von Moskau bereits akzeptierten westdeutschen Bestrebungen, die DDR schlankweg zu vereinnahmen und zu rekapitalisieren, mit dem wieder aufgenommenen Konföderationskonzept der späten fünfziger Jahre zu begegnen. Gleichwohl zeigt diese Periode der sogenannten deutschen Zweistaatlichkeit. dass das Verhältnis zur Nation eine zentrale Frage in der Politik der deutschen Sozialisten und Kommunisten war und dass - wie auch immer - um ein positives Verhältnis zur Nation gerungen wurde.

Woher die Schwierigkeiten rühren

Zu fragen ist: Warum die deutsche Linke so große Schwierigkeiten mit der Nation hatte und offenbar noch hat; wie es kommt, dass immer wieder starke national-nihilistische Stimmungen auftreten, mehr zumindest als bei Linken in anderen Nationen, und dass die inneren Beziehungen der Linken zum Nationalen so schwach sind. Das lässt sich wohl nur aus der deutschen Geschichte erklären und wird offenkundig, wenn man sie mit der Geschichte der Linken anderer Länder vergleicht.

Zwei Problemkomplexe halte ich für wesentlich.

Erstens sind da die tiefen Brüche in der deutschen Geschichte. Sicher hat jede Nation ihre historischen Kontinuitätsprobleme, und keine Nation ist frei von Tiefpunkten, Niederlagen, ja auch Verbrechen. Aber die deutsche Nationalentwicklung weist in dieser Beziehung besonders scharfe und verhängnisvolle Brüche und negative Züge auf:

1871 wurde die Nation durch eine Revolution von oben unter konservativ-preußischer Hegemonie (und nicht von liberalen oder demokratischen Kräften) geeinigt und das Nationale dadurch von rechts besetzt. Die deutsche Reichsgründung markiert das endgültige Scheitern der demokratisch-republikanischen nationalen Einigungsbestrebungen und -bewegungen, die in der Revolution von 1848/49 ihren Höhepunkt erlebt hatten. Eine Symbiose von Demokratie und Nation kam so nicht zustande, mehr noch: die demokratischen Zukunftsträger wurden offiziell geradezu aus der Nation ausgegrenzt. Und es gelang bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht, demokratische Korrekturen an der Entscheidung von 1871 zu erzwingen.

1914 wurde Deutschland von einer nationalistischen Welle ohnegleichen überspült; und die Linke war bis auf eine verschwindende Minorität darin einbezogen. Das rechte nationalistische Konzept einer brutalen Eroberungspolitik gegenüber den deutschen Nachbarn wurde von der Sozialdemokratie mit dem Argument einer notwendigen Vaterlandsverteidigung gegen das zaristische Russland akzeptiert und durch Gewährung der Kriegskredite aktiv unterstützt. Das hatte fraglos enorme Wirkungen auf spätere wirklich revolutionäre linke Sichtweisen zu Nation und Vaterland.

1933-45 herrschten in Deutschland extremer expansionistischer Nationalismus, Judenverfolgung, Krieg, Völkermord und Holocaust, alles begangen im Namen des deutschen Vaterlandes, dies war wohl der tiefste Bruch. Und im Unterschied zu anderen Ländern, in denen die Résistance gegen den Faschismus Massencharakter annahm und die sozialistische und kommunistische Arbeiterbewegung sich in dieser zumeist auch stark national motivierten Massenbewegung bewegen konnte, war in Deutschland der antifaschistische, durchaus auch national begründete Widerstand immer nur von einer kleinen Minorität getragen, erreichte zu keinem Zeitpunkt nationale Dimensionen. Es gelang den linken Kräften in Deutschland bis 1945 nicht, den Einfluss des faschistischen Nationalismus zu brechen. Das verlangte nach 1945 eine rückhaltlose Auseinandersetzung mit der "deutschen Misere", auch in der zurückliegenden deutschen Geschichte.

1949: die internationale Systemkonfrontation zerriss die deutsche Nation in zwei Staaten gegensätzlicher Gesellschaftsordnung.

1990 erfolgt eine Vereinigung beider Staaten auf konservativ-kolonisierende Manier.

Ein zweiter damit zusammenhängender Problemkomplex ist vielleicht noch wichtiger für das schwierige linke Nationsverständnis in Deutschland.

Es gelang der deutschen Linken zu keinem Zeitpunkt, Einfluss auf die Gestaltung der Nation zu nehmen. Die demokratischen Elemente hatten in Deutschland - wenn man weiter zurückgeht - seit Reformation und Bauernkrieg nie durchgreifenden Erfolg. Das unterscheidet Deutschland von Ländern wie England, Frankreich, Italien, selbst den USA, wo die demokratischen Kräfte des Volkes, "von unten", auf dem Wege zu einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zwar nicht generell dominant wurden, aber zumindest zeitweilig nachdrücklichen Einfluss auf die Formierung der Nation ausüben konnten. So etwa die linken Elemente in der englischen Revolution des 17. Jahrhunderts und die Jakobiner in der Großen Französischen Revolution von 1789-1795.

1848/49 scheiterte der Versuch, die Nation von unten, durch einen zumindest vorläufigen Sieg der Demokraten zu einigen.

1871 wurden Demokraten und Sozialisten - wie schon genannt - offiziell aus der Nation ausgeschaltet, während die Liberalen sich ans Junkertum total anpassten. Demokratische Einflussnahme blieb marginal.

1914 erfolgte sogar die Unterordnung der Masse der Linken unter den imperialistischen Nationalismus.

1918/19 brachte die Novemberrevolution zwar eine bürgerliche Republik und wichtige demokratische Rechte, aber es erfolgte keine dauerhafte Fundamentierung der bürgerlichen Demokratie. Von einer demokratischen Linksbesetzung der Nation konnte keine Rede sein. Gleichwohl sollten die partiellen demokratischen Einwirkungen auf die Nation, die von der nun staatstragenden Sozialdemokratie am stärksten wohl im kommunalen Bereich ausgingen, nicht unbeachtet bleiben. Die Rechte vermochte hingegen ihr aggressiv-nationalistisches Konzept unter der Losung des Anti-Versailles zur Geltung zu bringen und gewann damit entscheidenden Masseneinfluss.

1933 Niederlage aller linken, demokratischen Elemente und Sieg eines extremen Nationalismus.

Und als nach 1945 erstmals ein Bruch mit der reaktionären Linie gelang und linke Kräfte gesellschaftsgestaltend wirksam werden konnten und wurden, war dies versehen mit mancherlei Stigmata:

• Nur auf einem Teil des verbliebenen nationalen Territoriums, der späteren DDR, erfolgten ein positiver Bruch mit tiefen antikapitalistischen gesellschaftlichen Neugestaltungen, dieser Fortschritt war aber verbunden mit der Spaltung der Nation, was belastende Rückwirkungen hatte.

• Die revolutionären Umwälzungen erfolgten nicht nur aus eigener Kraft (wie etwa in Kuba), sondern gestützt auf die sowjetische Führungsmacht, ohne die eine DDR-Eigenentwicklung letztlich nicht zu begreifen ist.

• Die Neugestaltungen waren verknüpft mit enormen Defiziten, vor allem im Hinblick auf die demokratische Legitimation.

• Das Ganze endete mit einer Niederlage, es blieb - historisch gesehen - wiederum ein Misserfolg, was übrigens die Linke in ganz Deutschland schwächte.

Denn der Versuch, den Sozialismus demokratisch zu reformieren, scheiterte; die anfänglichen demokratisch-sozialistischen Bestrebungen von 1989 für einen demokratischen Ausbau der neuen Gesellschaft wurden abgefangen und von konservativen "äußeren", aber sich national ausgebenden Kräften in ihrem Sinne kanalisiert zu einer Restauration bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse.

Wenn es einen "deutschen Sonderweg" gab, dann war es in meinem Verständnis der fortlaufende Misserfolg der linken, demokratischen und sozialistischen Kräfte in der deutschen Geschichte seit 1517.

Dennoch hat der zeitweilige und partielle Erfolg einer linken antikapitalistischen Alternative bei den Linken aus der DDR ein anderes Verständnis der Nation nach sich gezogen. Die Tatsache, dass Linke über mehrere Jahrzehnte Verantwortung für die ganze Gesellschaft wahrzunehmen hatten, ließ ein geändertes, positiveres Verhältnis zum Nationalen entstehen, trotz der negativen Momente, die sich aus der Spaltung ergaben. Das führte nicht zuletzt zu nicht übersehbaren Unterschieden im Nationsverständnis zwischen West- und Ostlinken. Dazu Christina Hadler vom bayrischen PDS-Vorstand: "Die Ost-Linken haben ein anderes Verhältnis zur Nation. Immerhin wurde dort, wenn auch zunächst nicht aus eigenem Willen, ein wirklicher Neuanfang gemacht. Die Deutsche Demokratische Republik entsorgte den alten Namen. Faschismus und alles, was in seinem Namen als Verbrechen geschah, wurden geächtet, und die Linken konnten sich mit einer neuen, sozialistischen, eigentlich konträr verfassten Gesellschaft auch über die 'deutsche Nation' definieren."(6)

Gleichwohl ist, wenn es um die Haltung der Linken zur Nation geht, so meine ich, wohl auch danach zu fragen, ob nicht trotz Restauration des Kapitalismus in den Westzonen und der Bundesrepublik von den nach 1945 von linken Kräften getragenen demokratischen Bestrebungen wie von der 68er Bewegung positive Wirkungen auf die Gestaltung der deutschen Nation ausgingen, die auch Elemente eines positiveres linkes Verhältnis zur Nation hervorbrachten.

Ist die Nation überholt?

Ein letzter Fragenkomplex:

Bestehen im 21. Jahrhundert noch grundsätzlich die gleichen Voraussetzungen für eine positiv-kritische Haltung zur Nation wie im 19. und 20. Jahrhundert? Oder stellen die ökonomischen Entwicklungsprozesse, das was neuerdings Globalisierung heißt, die Nation als Existenz- und Kommunikationsform von Gesellschaften und als Entwicklungsrahmen gesellschaftlicher Prozesse grundsätzlich und endgültig in Frage. Ist Nation überholt oder nicht? Die Antwort darauf ist für linke Politik nicht unwichtig. Das ist die eigentliche Perspektivproblematik. Wie also steht es um das Schicksal der Nation, werden ihre ökonomisch-sozialen Grundlagen ausgehöhlt, untergraben, werden Nationen zunehmend überholte, rückständige, hemmende, zum Absterben verurteilte Relikte oder haben sie noch eine Zukunft?

Das Ende des Nationalen ist seit 150 Jahren wiederholt prophezeit worden, auch von marxistischer Seite. Aber dies waren durchweg Fehlprognosen. Eingetreten ist das Gegenteil. Untergegangen ist noch keine einzige Nation auf dem Erdball. Nationen offenbarten sich statt dessen als außerordentlich stabile, vitale, lebensfähige Erscheinungen. Auch sind gegenwärtig Nationsbildungsprozesse - vor allem in der "Dritten Welt" - noch voll im Gange. Mir scheint es daher eher richtig, davon auszugehen, dass Nationen noch eine lange historische Perspektive haben. Es ist eigentlich in dieser Frage wie in anderen nachdrücklich zu warnen vor "verkürzenden" Vorstellungen. "Verkürzte Perspektiven" sind leider eine alte traditionelle Schwäche der Linken, nicht zuletzt der Marxisten. Der Beispiele dafür seit 1848 gibt es hinreichend.

Zur historischen Perspektive von Nationen einige abschließende Überlegungen:

1. Nationen formieren sich in der Regel durch eine Verschmelzung von ethnischen und sozialen Komponenten in einem langen historischen Prozess seit der Herausbildung des Kapitalismus mit der bürgerlichen Umwälzung der Gesellschaften. Die Gesamtheit der ethnischen Merkmale und Eigenschaften, was wir als Nationalität bezeichnet haben (Herkunft, Sprache, Sitten, Gebräuche und Lebensgewohnheiten), hat weit in vorkapitalistische Zeiten, oft bis in die Urgesellschaft zurückreichende Wurzeln und besitzt daher eine außerordentlich starke Traditionskraft. Die ethnischen Komponenten sind objektive, sicher modifizierbare, aber weithin unzerstörbare Faktoren für den Zusammenhalt von großen Menschengruppen. Einer bestimmten Nationalität anzugehören ist kein Verdienst, das ist einfach gegeben, da wird man hineingeboren und erzogen durch die unmittelbare Umwelt, in der man lebt. Und dieses Erbe, das man so mitbekommt, ist nicht einfach auszulöschen. Sicher gibt es Umformungen, Modifizierung, übrigens auch landschaftsbedingte Eigenheiten und Besonderheiten. Aber es wird nicht ausgelöscht. Das Ethnische überdauert und damit auch die Nationen.

In der DDR-Diskussion gab es aus nachvollziehbaren Gründen eine Überhöhung des Sozialen gegenüber den ethnischen Faktoren; die Wissenschaft suchte zwar seit Beginn die starke Bindekraft und Wirksamkeit des Ethnischen zur Geltung zu bringen, akzeptierte letztlich aber die Dominanz des Sozialen. Helmut Bleiber war meines Wissens der einzige, der in den 80er Jahren offen verlangte, beide Faktoren als gleichberechtigte konstitutive Elemente der Nation anzuerkennen.(7) Nun sollten wir dahinter nicht wieder zurückfallen, sondern die Lebenskraft des Ethnischen im Nationalen ernst nehmen, das den Nationen eine hohe Stabilität und auch eine historischen Perspektive verleiht. Es besteht sicher nicht die Gefahr, dass sich die Menschheit zu einem unstrukturierten und undifferenzierten Einheitskonglomerat entwickelt. Nationales lässt sich zwar überwinden, aber nur durch Assimilation, das bedeutet dann in der Regel nichts anderes als das Aufgehen in einer anderen Nationalität.

2. Die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts widersprechen der Erwartung, die Nation sei historisch ein Auslaufmodell:

• Dagegen sprechen die voll im Gange befindlichen, "nachholenden" Nationsbildungsprozesse in der "Dritten Welt", vor allem in Asien und Afrika.

• Zu beachten sind zugleich die nationalen Wiederbelebungen innerhalb der industriell entwickelten Länder des Nordens (Basken in Spanien, Schotten in England, Flamen in Belgien), die teilweise dramatische Formen annehmen.

• In Rechnung zu stellen ist auch das Aufbranden nationaler Selbständigkeitsbestrebungen mit oft extrem nationalistischer Tendenz nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in Ost- und Südosteuropa. Unabhängig davon, wie man dies bewertet, ob es dem Progress nützte oder eher schadete, es fand real statt und vollzieht sich weiter. Nationales erwies sich als stärker denn soziale Faktoren, ob sozialistisch oder kapitalistisch geprägt.

All dies demonstriert auf unterschiedliche Weise Vitalität und Dynamik des Nationalen in der Gegenwart.

3. Es entsteht daraus schließlich die Frage: Wenn es sich bei Nationen um stabile zukunftsfähige Gebilde handelt, die politisch in Gestalt von Nationalstaaten fortexistieren, ob dies nicht auch politisch gesehen wichtige Widerstandszentren sein können und müssen gegen die Allmacht des globalisierenden Kapitalismus. Denn: Eine schlagkräftige übernationale oder internationale Gegenmacht gegen den expandierenden und nach 1989 ungebremst ausbeutenden Kapitalismus ist bislang nicht entstanden. Der Kapitalismus nutzt diese Schwäche wie die rechtlichen Freiräume, die ober- bzw. außerhalb der Nationalstaaten existieren, und er setzt seinerseits die Nationalstaaten massiv unter Druck. Widerstandskräfte sind, wenn überhaupt, im Grunde nur innerhalb der verschiedenen nationalen Existenzformen entwickelt. Müssen also diese Positionen verteidigt werden oder soll man sie auch noch aufgeben, zumal es noch nichts gibt, was als internationale Gegenmacht an die Stelle treten könnte? Das ist meine abschließende Frage.

Anmerkungen

(1) Ernst Engelberg, Die Nation und die Linke - historische Anmerkungen, in: Neues Deutschland, 25/26.11.2000. S. 21

(2) Darauf hat überzeugend Helmut Bleiber in seiner Rezension des ersten Bandes der Bismarck-Biographie hingewiesen: Deutsche Literatur-Zeitung, 108, 1987, H.7/8, S. 560-565.

(3) So zuletzt Gunnar Decker, Die unheilbaren Deutschen, in: Neues Deutschland, 20/21.01.2001, S. 20.

(4) Zitiert bei Ernst Engelherg. in: Neues Deutschland. 25/26.11.2000. S. 21.

(5) Der Sozialdemokrat, 18.11.1880.

(6) Neues Deutschland, 30.11.2000, S. 16

(7) Helmut Bleiber, Nationalbewusstsein und bürgerlicher Fortschritt. Zur Herausbildung von deutschem Nationalbewusstsein in der Zeit der bürgerlichen Umwälzung (1789-1871), in: Helmut Bleiber und Walter Schmidt, Demokratie, Antifaschismus und Sozialismus in der deutschen Geschichte. Berlin 1988, S. 173

Quelle: Marxistische Blätter, Heft 1-08 (Januar), 46. Jahrgang, S. 42-48 veröffentlicht bei schattenblick.de


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